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Anthroposophie / trithemius verlag / Jahrbuch 2001 Wimmern / Steiners Plädoyer für den Kosmopolitismus

Steiners Plädoyer für den übernationalen Geist

Während um ihn herum alles in der Nationalisierung des Reichsgedankens versank, sah Steiner den deutschen Geist in einem Abwehrkampf, denn der deutsche Geist war für ihn der universelle Geist, der humane Geist, der freie Geist: in einem Abwehrkampf gegen Klerikalismus, Partikularismus, Materialismus, Nationalismus, Sozialismus und Darwinismus, die ihm alle als Ausgeburten desselben Schattenreiches erschienen, eines Reiches der Finsternis und des Todes. Deutscher war man für Steiner nur, wenn man Lust am Denken hatte, als Deutscher wurde man nicht geboren, man konnte also nicht durch irgendeine Rassenabstammung Deutscher sein, man konnte sich nur selbst zum Deutschen, das heißt zum Vertreter der Universalität des Geistes berufen, in dem alle Partikularismen im Hegelschen Sinne aufgehoben waren. Das Reich der freien Geister, das der Philosophie der Freiheit als Idealzustand der Gesellschaft vorschwebt, ist ein Reich des ethischen Individualismus und individualistischen Anarchismus, ein Reich von begeisterten Idealisten, die sich von der Welt sagen lassen, wessen sie bedarf und sie nicht etwa dem tyrannischen Willen einer weltfremden Ideologie unterwerfen. Diesem Reich kann nach Steiners Verständnis jeder Mensch angehören, der sich über die Bestimmtheiten seines Gattungswesens, seine Geschlechtseigentümlichkeiten, seine Rassenzugehörigkeiten, seine Nationalität usw. erhebt. Wer sich aber nicht in dieses Reich erhebt, ist in ihm aufgehoben, wiederum im Hegelschen Sinne, aber nun an sich. Denn das moralische oder bürgerliche Gesetz, das das Handeln der Unfreien leitet, ist für Steiner – wenigstens idealiter – ebenso aus dem Reich des freien Geistes entsprungen, wie das Handeln der ethischen Individualisten. Aufgehoben ist der Unfreie sowohl im positiven Rechtsgesetz, als auch im Naturgesetz, dem nach Steiners Auffassung jene Teile der menschlichen Organisation unterworfen sind, die das von Fichte beschriebene Ich nicht seiner liebevollen Herrschaft unterworfen hat. So schwebte Steiner ein Zusammenleben der Menschen vor, das auf Freiheit und Verständnis beruht, das in gegenseitigem Vertrauen verläuft und in sozialem Frieden mündet, weil es mit Brüderlichkeit im Ökonomischen und mit Gleichheit im Rechtlichen verbunden ist.

Wer Steiners ausgereiftes politisches Denken verstehen will, kann nicht umhin, sich mit seinen Ideen zur Dreigliederung des sozialen Organismus zu befassen, in denen er – in einem historischen Augenblick von besonderer Art – versuchte, die sozialistischen Ideale mit den liberalen Freiheitshoffnungen und den konservativen Ordnungsvorstellungen zu versöhnen. Während schon in den 70er Jahren in Österreich der Gedanke des Reiches im Nationenkampf pervertiert wurde, in dem sich partikulare Egoismen der Universalität bemächtigten, hielt Steiner die Fahne eines Reichsverständnisses aufrecht, das bis zu Joachim von Fiore, ja bis zu Paulus und Jesus zurückweist, indem er in seiner Philosophie der Freiheit die Idee des Reichs der freien Geister formulierte. Wenn Steiner vom Deutschen Reich sprach, dann meinte er damit das Reich der freien Geister, das man durch die Gründung des Deutschen Reiches vom Jahr 1871 endgültig exstirpiert hatte, wie er im Anschluss an Nietzsche beklagte. Schon der Anspruch neuzeitlicher Dynastien, das mittelalterliche Reich fortzusetzen, das von Karl als christliches Reich deutscher Nation gegründet worden war, war Usurpation. Daraus resultierten die imperialen Großmachtansprüche der europäischen Herrscherhäuser und Nationalstaaten. Aber auch das Christenreich des Mittelalters war ein historisches Missverständnis, ebenso wie der Herrschaftsanspruch der Vermittlerin dieses theokratischen Reichsgedankens an den Westen: der römischen Kirche. Denn der Begründer des Christentums, der Sohn Gottes, hatte gesagt: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Selbst die Sozialdemokraten und Sozialisten wollten ein Reich errichten: das Reich der Proletarier aller Länder, die klassenlose Gesellschaft, die Diktatur des Proletariats, ein säkularisiertes Christenreich, das jenen ewigen Frieden auf Erden verhieß, der auf Erden nicht zu erlangen ist. Für Steiner jedoch war arm, wer nicht im Reich des Geistes leben konnte: all diese Menschen waren für ihn Bettler um Geist. An das Reichsverständnis Christi knüpfte Steiner 1894 in der Philosophie der Freiheit an, wenn er vom Reich der freien Geister sprach, ein bisher unentdecktes Gedankenmotiv in der Steinerrezeption. Wild und unentwickelt war für ihn, wer durch geschichtliche Bedingungen, soziale Verhältnisse, durch Mangel an Erziehung und Selbsterziehung, durch Traditionen und Umweltbedingungen daran gehindert wurde, sich selbst durch die allseitige Entwicklung seiner Fähigkeiten und durch individuelle Selbstbestimmung Eintritt in das Reich des Geistes zu verschaffen.

Fortsetzung: Steiner und die Slawen vor dem Hintergrund der Geschichte des Habsburgerreiches

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