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Verfemung der Romantik

Ebenso unsinnig wie die Behauptung, Steiner sei durch das geistige Milieu der Mittel- und Oberschicht Wiens geprägt worden, ist Bierls Unterstellung, Steiner habe sein »Weltbild aus seiner Lektüre der deutschen Romantiker, die die völkische Ideologie zu Anfang des 19. Jahrhunderts im Kampf gegen Aufklärung und Französische Revolution formuliert« hätten »entwickelt«. (B, 16-17) Sowohl in seiner Auffassung der Romantik, als auch in der von ihm vorgenommenen Auswahl möglicher Herkünfte, zeigt sich Bierls einseitige, ideologisch verblendete Weltsicht. Er ist in ersterer einer vom zeitweisen Chefideologen Stalins, Lukacs, und anderen linken Theoretikern vertretenen unhistorischen Auffassung verpflichtet, die Wurzeln des deutschen Faschismus seien im angeblichen Irrationalismus der deutschen Klassik und Romantik zu suchen. Bereits 1993 durfte Bierl sein Bekenntnis zur stalinistischen Ideologie in der Zeitschrift ÖkolinX vortragen, als er in einer Vorstudie zu seinem  Buch unter dem Titel Ökofaschismus und New Age erklärte: »Lukacs‘ zentrale Thesen über die ›irrationalistische‹ Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts und ihre politischen Konsequenzen treffen meiner Meinung nach auch auf die moderne Esoterik und den Ökofaschismus als Ideologien zu.«11

Was die deutsche Romantik anbetrifft, so gehen deren Anfänge bis zu Herder und Goethe zurück, auch wenn ihre Wurzeln in England liegen (Walpole, McPherson, Young). Ohne Zweifel ist deren Einsatz mit Herders Philosophie der Geschichte der Menschheit kosmopolitisch, humanistisch, völkerverbindend und emanzipatorisch. Die erst später vom gerade dadurch der Romantik verpflichteten Ranke geprägte Formel, jede geschichtliche Epoche sei »gleich unmittelbar zu Gott«, liegt bereits in Herders opulentem Entwurf einer Universalgeschichte der Menschheit. Für ihn sind Epochen und Völker Organe am einen Organismus der Menschheit, die das Leben des einen Ganzen auf unterschiedliche Weise darstellen und der Grundidee des Schöpfers von der Humanität auf vielfältige Weise Ausdruck verleihen. Gerade Herders universal-humanistischer Entwurf und die aus diesem hervorgehende Liebe zu den geistigen Schöpfungen aller Stämme und Zweige des einen Menschheitsorganismus, die zu solchen Sammlungen wie den Stimmen der Völker und zu den Grimm’schen Märcheneditionen führten, wurden im 19. Jahrhundert von den nicht-deutschen Angehörigen des Habsburgerreiches ins Nationale gewendet und fanden in entstellter Form ihren Niederschlag in einem teilweise irredenten Chauvinismus, der schließlich zum Untergang des Habsburgerreiches und zur Selbstzerfleischung des Alten Europa im I. Weltkrieg führte.

Dem von Herder 1774 – weit vor der französischen Revolution – formulierten Programm blieb die deutsche Romantik großteils treu. »Die französische Revolution, Goethes Meister und Fichtes Wissenschaftslehre sind die größten Tendenzen – die größten Triebkräfte – dieses Zeitalters«, schrieb Friedrich Schlegel im Hinblick auf die Generation der Romantiker, die angetreten war, eine neue Synthese von Kunst, Wissenschaft und Religion zu schaffen. Doch wirkte die Entwicklung im revolutionären Frankreich auf viele Beobachter und Beteiligte ernüchternd. Nicht nur Romantiker, auch Vertreter der Aufklärung wandten sich mit Grausen von den Greueln der Jakobiner und den Exzessen der Guillotine ab. Die Ablehnung der französischen Revolution durfte sich auf ebenjene Gedanken der Humanität und des Menschenrechts berufen, die von der Willkür der Revolutionstribunale verspottet wurden. Manche heute als übertrieben erscheinenden patriotischen Ergüsse, etwa bei Klopstock oder Arndt, lassen sich aus der Bedrohung durch die französischen Revolutionsheere und aus den Auswirkungen des napoleonischen Imperialismus sehr wohl erklären, ganz abgesehen davon, dass sie, verglichen mit anderen Artikulationen der Vaterlandsliebe im Zeitalter des aufkeimenden Nationalismus noch harmlos sind.

Nicht nur das Geschichtsbewusstsein ist das bleibende Erbe der Romantik. Die großen Historiker des 19. Jahrhunderts sind ohne deren Besinnung auf das Werden der Vernunft und damit deren von der Aufklärung ausgeblendete Nachtseite der menschlichen Existenz nicht denkbar. Die romantische Besinnung auf die Ursprünge und die mütterlichen Aspekte des Seins muss nicht als Flucht vor der rauhen Wirklichkeit interpretiert werden, man kann im Entwurf einer historischen Utopie, eines Idealbildes der Gegenwart oder Zukunft, das in die Vergangenheit verlegt wird, auch den Versuch der Romantik sehen, ihre Kritik an der Gegenwart auf eine Art und Weise vorzubringen, die der Zensur entgeht. Schleiermachers Aperçu vom Historiker als rückwärtsgewandtem Propheten ist dann so zu verstehen, dass der Historiker, indem er die Vergangenheit beschreibt, in ihr ein Vorbild einer zu schaffenden Zukunft entwirft.

Die Romantik war für die Sprachwissenschaften, für die Völkerkunde und Staatswissenschaften überaus bedeutsam. So geht die Germanistik auf Grimm und Uhland zurück, die Literaturwissenschaft auf die Gebrüder Schlegel, die Romanistik auf Diez, die Rechtsgeschichte auf Savigny, die vergleichende Religions- und Mythengeschichte auf Creuzer, Görres und Bachofen.

Bereits Bodes Übersetzung von Lawrence Sternes Sentimental journey stiftete der Kulturströmung 1768 einen Begriff. Wackenroder verlieh mit seinen Herzensergießungen eines Klosterbruders 1797 der Musik eine literarische Stimme und fügte neben der Besinnung auf Subjektivität und Geschichte der Romantik in Deutschland ein weiteres zentrales Motiv hinzu. Ihm folgten Tieck, die Gebrüder Schlegel, Novalis, E.T.A. Hoffmann und andere nach. Wackenroders Begeisterung für die deutsche Geschichte schloss das Nichtdeutsche nicht etwa aus. So schrieb er in seinem Aufsatz Über Allgemeinheit, Toleranz und Menschenliebe: »Blöden Menschen ist es nicht begreiflich, dass es auf unserer Erde Antipoden gebe und dass sie selber Antipoden sind. Sie denken sich den Ort, wo sie stehen, immer als den Schwerpunkt des Ganzen, und ihrem Geiste mangeln die Schwingen, das ganze Erdenrund zu umfliegen und das in sich selbst gegründete Ganze mit einem Blicke zu umspielen.«12 Und an seinen Freund Tieck schrieb der frühverstorbene Wackenroder: »Was will man denn in unsern Zeiten mit dieser Vaterlandsliebe? Doch scheint jetzt eine gewisse Mode darin zu herrschen. Gemeine Schullehrer scheinen wirklich zu glauben, dass sie wer weiß wie große Fortschritte in der Pädagogik gemacht haben, wenn sie ihren achtjährigen Knaben jetzt die Brandenburger Geschichte als Geschichte des Vaterlandes recht weitläufig erzählen. Ein Bürger oder sonst einer, der nicht Gelehrter werden will, braucht doch wahrlich in unsern Zeiten im Grunde die vaterländische Geschichte so wenig als eine andere und es würde nach meiner Meinung also zweckmäßiger sein, wenn man irgend eine interessante Geschichte, ohne Rücksicht ob dieses oder jenes alten oder neuen Volkes, in unseren Schulen vortrüge.«13 Ricarda Huch kommentiert dieses Wackenroderzitat mit folgenden Worten: »Eine leidenschaftliche Liebe für deutsches Wesen war aber durch diesen Mangel an dem, was man unter Patriotismus versteht, nicht ausgeschlossen. Man weiß ja, dass die Wissenschaft der Germanistik aus der Romantik entstanden ist. Aber eben im germanischen Wesen fand man einen engherzigen Abschluss gegen andre Völker nicht begründet. Der Einzelne – so war es von jeher gewesen – liebte seine Unabhängigkeit aber sowohl dem eigenen als auch fremden Staaten gegenüber.« »Deutschheit ist Kosmopolitismus mit der kräftigsten Individualität gemischt«, lautet einer der Aphorismen des Novalis.14

Nicht die Romantik war es, die im Anschluss an Rousseau, aber zugleich in dessen Vertiefung, mit ihrem Interesse für das Fremde, das Natürliche, das Andere der Vernunft, fremde Völker und Kulturen abwertete, sondern die Aufklärung mit ihrer platten Fortschrittsidee, die im europäischen Rationalismus das non plus ultra der zivilisatorischen Entwicklung sah. Marx und Engels und der aus ihnen hervorgegangene Marxismus, Leninismus, Sozialismus stehen in der Tradition der unvollendeten Aufklärung, indem sie diese lediglich auf die soziale Wirklichkeit anwandten, statt sie zur individuellen Selbstbewusstwerdung des denkenden Ich hinauf zu führen. Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass gerade Marx und Engels als die Begründer des radikalen, angeblich wissenschaftlichen Sozialismus, in denen wir die geistigen Urheber all jener Genozide zu sehen haben, die im 20. Jahrhundert im Namen der Diktatur des Proletariats verübt worden sind, nicht nur Antisemiten waren, sondern sich auch voller Verachtung über die »geschichtslosen« slawischen Stämme ausließen, die im Habsburgerreich nach nationaler Selbstbestimmung begehrten.

Der Rassismus und der völkische Nationalismus des 19. Jahrhunderts sind keine Konsequenz der romantischen Besinnung auf die Ursprünge, sie sind vielmehr eine Folge der materialistischen Interpretation des romantischen Forschungsansatzes. Erst die materialistische Umdeutung der Bemühungen um eine ganzheitliche, geistverbundene Wirklichkeitssicht der Romantik im materialistischen Monismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts und damit ihre verflachende Rückholung in den Horizont des neuzeitlichen Rationalismus ließ deren Begrifflichkeit gefährlich werden. Diese Diagnose des Rassismus als Ausfluss eines materialistischen Denkens brachte bereits im Jahr 1883 Hans Kudlich, der legendäre Bauernbefreier des Jahres 1848 in die Diskussion ein, der in den achtziger Jahren in den USA lebte, aber weiterhin enge Kontakte zu Österreich aufrechterhielt. Er hielt den Rassenhass für unvereinbar mit einem demokratischen deutschen Patriotismus und veröffentlichte in der Wiener Neuen Freien Presse einen offenen Brief an die Wiener Studentenschaft, aus der sich die frühesten Anhänger des einflussreichsten Wiener Antisemiten, Georg Ritter von Schönerers, rekrutierten. In seinem Brief schrieb er den Ursprung des Rassismus einem krassen Materialismus zu, der die Gesellschaft durchdringe und verwahrte den deutschen Idealismus und die Romantik vor falschen Schuldzuweisungen.

An Hegels »romantischer« Lehre von den Volksgeistern begeisterten sich Polen, Tschechen, Ungarn, Serben und Kroaten und sahen in ihr eine Legitimation ihrer Suche nach geschichtlicher und nationaler Identität, begannen aber bereits mit der Partikularisierung der Universalität des Hegelschen Idealismus. Schon Herder war mit seiner Volksliedersammlung Stimmen der Völker vorbildlich, die Brüder Grimm gaben mit ihrer Märchenforschung und -edition einer ganzen Reihe von osteuropäischen Sprachwissenschaftlern die entscheidende Anregung, sich auf die eigenen kulturellen Überlieferungen, auf ihr Volkstum zu besinnen. Während der Romantiker Carl Gustav Carus 1851 in seinem Versuch über die Entwicklungsgeschichte der Seele, dem Buch Psyche, in den animistischen Religionsformen, die ihm als Ausdruck einer kindlichen Seelenverfassung erschienen, eine edlere und friedfertigere Stufe des Gottesbewusstseins und damit in deren Trägern, den »Naturvölkern«, auch eine edlere Form des Menschseins zu sehen vermochte, als in den monotheistischen Religionen und den mit ihnen verbundenen Zivilisationen, führte der Fortschrittsgedanke in seiner materialistischen Form zu eben jenem menschenverachtenden Rassismus, dessen Ursprung Bierl der Romantik anlasten möchte. So veröffentlichte Ludwig Büchner 1855 die Bibel des deutschen Materialismus, sein Buch Kraft und Stoff. Im Kapitel über Gehirn und Seele findet sich eine Passage, aufgrund derer die selbsternannten Wächter der politischen Korrektheit Büchner des Rassismus bezichtigen müssten. Die von Büchner vertretene Haltung ist nicht originell, sondern er fasst, wie in allem übrigen, lediglich in seiner Zeit verbreitete materialistische wissenschaftliche Ansichten zusammen.

»Wer hätte noch nicht in Abbildung oder Natur den zurückfliegenden, schmalen, in seinem ganzen Umfange kleinen, affenähnlichen Schädel eines Negers gesehen und ihn in Gedanken mit der edeln und ausgedehnten Schädelbildung des Kaukasiers verglichen! und wer wüsste nicht, welche angeborene geistige Inferiorität der schwarzen Rasse eigen ist, und wie sie den Weißen gegenüber als Kind dasteht und immer dastehen wird! Das Gehirn des Negers ist kleiner, als das des Europäers, überhaupt tierähnlicher; die Windungen desselben sind weniger zahlreich. ... Die amerikanischen Indianer, mit kleinem, eigentümlich geformtem Schädel und von einer wilden, grausamen Natur, sind nach allen darüber laut gewordenen Berichten ganz unzivilisierbar; sie werden durch das Voranschreiten der kaukasischen Rasse nicht der Kultur gewonnen, sondern ausgerottet.« (S. 134-135.) Trotz dieser rassistischen Anschauungen verkündete Büchner die These, seine naturalistische Weltsicht könne die moralische Entwicklung der Menschheit besser fördern, als jegliche Art von Idealismus oder Supranaturalismus. So meinte er im Vorwort zur neunten Auflage von Kraft und Stoff: »Das bekannte Wort »Durch Bildung zur Freiheit« muss das Schibboleth und Kriegsgeschrei der echten Volksfreunde aller Länder sein.« (S. XCIII) Dass mit diesen Ländern die europäischen Kolonien und die in diesen unterdrückten Völker nicht gemeint waren, ist klar.

Auch Hannah Arendt weist in ihrem Standardwerk über den Antisemitismus, Imperialismus und Totalitarismus das Märchen vom Ursprung des völkischen Nationalismus in der deutschen Romantik zurück: »Es ist ein Irrtum, die politische Romantik, wie es oft geschehen ist, für den spezifisch völkischen Charakter des deutschen Nationalismus verantwortlich zu machen. Mit dem gleichen Recht könnte man sie für nahezu jegliche unverantwortliche Meinung, die im 19. Jahrhundert irgendwann zur Geltung kam, zur Verantwortung ziehen, denn es gibt kaum etwas in der Moderne, womit sie nicht gespielt hätte.«15

Der Rassismus ist keine Erfindung des 19. oder 18. Jahrhunderts. Der europäische Adel praktizierte durch Jahrhunderte hindurch ein Denken in Blutsverwandtschaften und Abstammungslinien. Hier war von edlem Geblüt, von Blaublütigkeit, von morganatischen Ehen (mésalliancen, Ehen der linken Hand)16 und Bastardzeugungen17 die Rede, lange bevor der Begriff des Rassismus überhaupt erfunden wurde. Die Erhaltung der patrilinearen Bluts- und Verwandtschaftslinie war für den Adel von existentieller Bedeutung, waren mit dieser doch umfassende Herrschafts-, Rechtsund Besitzansprüche verbunden. Schon Ferdinand II. legte in seinem Testament von 1621 das Prinzip der Unteilbarkeit der habsburgischen Besitzungen unter der erblichen Herrschaft des Kaisers und die Erbfolge auf Grund der Primogenitur fest. Die von Kaiser Karl VI. zwischen 1713 und 1725 politisch durchgesetzte pragmatische Sanktion, die so fundamentale Bedeutung für die Aufrechterhaltung und Ausweitung der Habsburgerherrschaft hatte, entsprang aus der Notwendigkeit, das weitverstreute Besitztum der Habsburgersippe bei Ausbleiben männlicher Erben zu sichern. Andere europäische Dynastien und Adelshäuser verfuhren mit ihren Besitztümern ebenso. Das 18. Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert der Aufklärung, sondern auch das Jahrhundert der Erbfolgekriege (Spanischer Erbfolgekrieg: 1701-1713/14; Österreichischer Erbfolgekrieg: 1740-48; Bayerischer Erbfolgekrieg: 1778/79). Der im 18. und 19. Jahrhundert drohende Verlust der privilegierten gesellschaftlichen Stellung des Adels ist der wahre Hintergrund des Rassismus. Denn die Angehörigen der herrschenden Klasse im feudalen Europa, die bisher mit dem göttlichen Willen argumentiert hatten, um ihre Herrschaft zu rechtfertigen, mussten nun im Zeitalter der Aufklärung nach naturwissenschaftlichen Begründungen für ihre privilegierte Machtstellung suchen. Nicht mehr mit Gottes Gnade konnte die Herrschaft legitimiert werden, sondern nur noch mit der Macht der Natur. Das führte zu Überlegungen über die Bedeutung des Blutes, über die Eigenart des adligen Bluts, über dessen Reinheit und Reinerhaltung. Das edle Geblüt ist es, das die Angehörigen der herrschenden Dynastien und Sippschaften zur Herrschaft prädestiniert. Auch der Gott de Maistres, der der Dynastie zu Beginn des 19. Jahrhunderts unabhängig vom Willen des Volkes die Herrschaft zusicherte, war im Grunde ein Gott des Blutes. Es ist kein Zufall, dass die großen Inauguratoren des europäischen Rassismus Angehörige des Adels waren: in Graf Gobineau und Graf Vacher de Lapouge waren Adlige Vordenker eines Bluts- und Abstammungsdenkens, das schließlich unter dem Einfluss des Vulgärdarwinismus auf die gesamte Menschheit übertragen wurde. Nur ein Adliger, der die historisch-gesellschaftliche Position des Adels innerhalb der absolutistischen Gesellschaft gefährdet sah, konnte die Idee erfinden, dass Blutmischung in die Dekadenz führe. Hannah Arendt hat diesem Aspekt der Vorgeschichte des europäischen Rassismus in ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ein ganzes Kapitel: Die Adelsrasse gegen die Bürger-Nation gewidmet.

Graf Henri De Boulainvilliers (1658-1722) vertrat in Frankreich als erster eine Zwei-Rassen-Theorie. Sie stellte die erobernden, herrschaftsgründenden und Freiheit bringenden Germanen (= Franken) und die unterworfenen Kelten (= Gallier) gegenüber. In Boulainvilliers Theorie werden die politischen Implikationen des Denkens in Rassen deutlich. Die Geschichte selbst, so Boulainvilliers, verleihe dem französischen Adel als Nachfahren der Franken Anspruch auf Herrschaft in Frankreich. Diese eindeutig politisch motivierte Rechtfertigungsargumentation wurde sogar entwickelt, bevor die französische Revolution die aufklärerischen Tendenzen in die Tat umsetzte. Boulainvilliers sah die herrschende Schicht als Abkömmling einer Rasse von Eroberern, mit der er sich identifizierte: er begründete die Herrschaftsverhältnisse sowohl mit rassischen als auch mit historischen Überlegungen. Die französischen Historiker Augustin Thierry (1798-1856) und Amédée Thièrry (1797-1873) nahmen die Zwei-Rassen-Theorie – diesmal mit antigermanischer Wendung – auf. Innerhalb Frankreichs glaubten sie in den Kelten und Kymren (= Germanen) zwei unterscheidbare, sich jedoch überlagernde Rassen feststellen zu können. Die Anschauungen der Gebrüder Thierry wirkten auf die Rassentheorien der englischen Naturforscher W. F. Edwards (1777-1842) und J. C. Prichards (1786-1848). In der Französischen Revolution (1789) fand die Zwei-Rassen-Theorie in der Schrift des Abbé Sieyès (1748-1836) Qu‘est-ce que le tiers état? ihren politischen Niederschlag, der den Dritten Stand mit den Galliern, den Adel mit den Franken identifizierte: in einem der Schlüsseltexte der bürgerlichen Revolution von größter Wirkungsmacht wurde die revolutionäre Klasse mit einer Rasse identifiziert, die Inhaber der politischen Macht mit einer anderen. Gleichzeitig kam in Sieyès Essay ein antigermanischer Affekt zum Ausdruck, da er die Unterdrückten mit den Galliern, die Herrscher mit den Franken (Germanen) identifizierte. Sieyès war zwar auch der erste große Theoretiker des demokratisch legitimierten Einheitsstaates, der in seinen politischen Schriften die liberalen Vorstellungen über die Repräsentation des Volkswillens des 19. Jahrhunderts vorwegnahm, aber seine Abhandlungen enthielten auch einen Subtext, der unterschwellig fortwirkte.

Es ist in diesem Zusammenhang symptomatisch, dass Bierl Sieyès – dessen Staatsverständnis er für vorbildlich und modern hält – gegen Steiner anführt (B, 98 f.), dessen Dreigliederungsideen er als einen Rückfall in die vorrevolutionären Staatsideale der Ständegesellschaft ausgibt, was ebenso abwegig ist, wie seine Theorie, der Begriff einer »deutschen Nation« sei als »Projekt der Herrschaft gegen die bürgerliche Revolution entstanden« (B, 100), wo es doch gerade die bürgerlichen Revolutionäre des Frankfurter Parlamentes waren, die die Einheit der deutschen Nation nach dem Territorialprinzip gegen den Habsburgischen Vielvölkerstaat vertraten, der versuchte, eine Nation zu bilden, die über den Nationalitäten stand, während die deutschen Romantiker in der Vorstellung einer unsichtbaren Kirche lebten – der alle Menschen, gleich welcher Sprache oder welchen Stammes, angehören konnten –, die dazu berufen sei, die sittliche Fortentwicklung der Menschheit zu befördern. Bierl klammert nicht nur Sieyès krude politische Rassentheorie völlig aus, sondern verwickelt sich auch in heillose Widersprüche. Während er einerseits Sieyès‘ Definition der Nation als einer Gesellschaft, die »unter einem gemeinsamen Gesetz lebt und durch dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten wird«, gegen einen »deutschen« Begriff der Nation, die »biologistisch und spirituell aus deutschem Blut und deutschem Geist« gebildet sei (B, 98 f.), ins Feld führt, wirft er Sieyès andererseits vor, dieser habe die Nation als Klassenbündnis verstanden und mit dem Dritten Stand identifiziert. Dass Sieyès aber eine Zwei-Rassen-Theorie vertrat, die unterdrückte Klasse mit den Franken, die Unterdrücker mit den Germanen identifizierte, passt nicht ins Bierls antideutsches und antigermanisches Emotionssystem und wird deswegen verschwiegen. Andererseits behagt ihm der Begriff einer »Kulturnation« ebensowenig, denn in dieser sieht er von Anfang an nichts als völkischen Nationalismus und Antisemitismus. Wir haben bereits erwähnt, wie absurd der Vorwurf des deutsch-völkischen Nationalismus gegen Herder, Goethe, Fichte und andere ist, deren Verständnis des Deutschtums alles andere war, nur nicht das, was ihnen Bierl unterstellt. Dass dagegen im von Bierl hochgelobten, »modernen«, »territorialen« Verständnis von Nation und deren territorialer Integrität nicht nur die Ursache für die Hochflut der nationalistischen Emotionen im 19. und 20. Jahrhundert, sondern bis heute der Grund für eine Unzahl von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von kriegerischen Verwicklungen einschließlich der beiden Weltkriege zu sehen ist, scheint ihm völlig entgangen zu sein.

A. Graf Gobineau (1816-92) griff die Idee der Volksrassen von Sieyès auf und sponn sie weiter. Da Gobineau Gegner der revolutionären Umwälzungen und der Säkularisierung war, ergriff er Partei für das germanisch-fränkische Überlagerungselement. Hatte die Zwei-Rassen-Theorie bisher die französische Geschichte deuten sollen, so übertrug sie Gobineau auf die gesamte Menschheitsgeschichte. Er glaubte in den Ariern das kulturschöpferische Element der Geschichte gefunden zu haben. Auf diese übertrug er die Eigenschaften, die seine Vorläufer den jeweils von ihnen bevorzugten Menschengruppen zugeordnet hatten. Gobineau sah in den in Nordwest-Europa lebenden, »germanischen Ariern« die zur Herrschaft berufene Eliterasse. Obwohl Gobineau selbst die heutigen Deutschen als keltisch-slawische Mischlinge ansah, hatten seine Thesen in Deutschland eine große Wirkung und beeinflussten Nietzsche, Wagner und Chamberlain.

Die revolutionären Bewegungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die gemeinhin als bürgerlich bezeichnet werden, deuten in Wahrheit auf die Emanzipation gesellschaftlicher Kräfte, die die soziale Ordnung nicht mehr wie die weitverzweigten Sippen der europäischen Dynastien auf Blut- und Verwandtschaftsbindungen aufbauen wollten. Die Habsburger können als Beispiel einer solchen Sippe gesehen werden. Diese Sippen befanden sich alle in einem permanenten Abwehrkampf: in einem Abwehrkampf gegen andere hochadlige Blutssippen, die ihren Reichtum und ihren geographischen Herrschaftsbereich erweitern wollten, in einem Abwehrkampf gegen die unebenbürtigen Emporkömmlinge, die ihren Anteil an der gesellschaftlichen Macht einforderten.

Steiner hat 1917 in seinen Vorträgen über den Sturz der Geister der Finsternis Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich gemacht, dass eine soziale Ordnung, die sich allein auf Blutszusammenhänge begründen will, nicht nur anachronistisch und fortschrittsfeindlich ist, sondern sich mit den geistigen Mächten des Bösen verbündet. Als er sich 1900 in der Theosophischen Gesellschaft auf Einladung der Gräfin Brockdorff zu betätigen begann, hatte er es aber zu einem Großteil mit einem Kreis von Menschen zu tun, die jener Gesellschaftsschicht angehörten, die es gewöhnt war, gesellschaftliche Macht als an Bluts- und Verwandtschaftsbeziehungen gebunden zu denken. Seine Versuche, diesbezüglich eine Änderung der Denkart herbeizuführen, stießen beim theosophischen Publikum, mit wenigen Ausnahmen, auf keinerlei Interesse. Die Veröffentlichung des Aufsatzes Theosophie und soziale Frage in der Luzifer-Gnosis 190518, in dem Steiner erstmals das sog. »soziale Hauptgesetz« beschrieb, rief kein positives Echo hervor. Die noch relativ unpolitische Formulierung dieses Gesetzes, dass das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen um so größer sei, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beanspruche, d.h., je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgebe und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt würden, weckte nicht das soziale Gewissen der Angehörigen der herrschenden Klasse. Steiner versuchte daher auf anderen Wegen, den geistigen Horizont seiner Zuhörer zu erweitern, indem er sie einerseits von ihrem Denken in Rassenbegriffen zu befreien versuchte, die nur eine säkulare Metamorphose des dynastischen Denkens darstellten, von der mittlerweile große Teile der europäischen Gesellschaft durchdrungen waren, und indem er sie andererseits unablässig auf die allgemein-menschliche Bedeutung des Christus-Ereignisses hinwies, die in der Erweckung eines Bewusstseins von der unveräußerlichen Würde des Menschenbruders besteht. Sobald sich durch den Verlauf des I. Weltkriegs in den gesellschaftlichen Verhältnissen radikale Veränderungen abzeichneten, begann er sich mit seiner Bewegung für Dreigliederung des sozialen Organismus sofort an jene neuen gesellschaftlichen Kräfte zu wenden, die aus dem Bürgertum und dem Proletariat stammten und nach einer sozialen Neuordnung suchten, die ihre eigenen Interessen angemessen berücksichtigte. Eine solche Neuordnung war aber ohne gestaltungskräftige Ideen nicht zu erreichen. Deswegen verwies Steiner seine Zuhörer unentwegt auf den Weg der Philosophie der Freiheit, in der er dargestellt hatte, wie der einzelne, sozial Entwurzelte und Deklassierte sich einen Erkenntniszugang zum Quell aller geistigen und damit auch sozialen Ordnung zu bahnen vermag. In dieser Begründung des ethischen Individualismus, in der Steiner alle kollektivistischen und normativen gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen zurückwies, lieferte er nicht nur historisch einzigartig eine philosophische Begründung für die Möglichkeit der Demokratie und einer pluralistischen Gesellschaft, er wies auch nach, dass eine Form der sozialen Ordnung möglich ist, in der gleiches Recht für Alle und individuelle Freiheit miteinander vereinbar sind, indem er dem Gesetz den Geltungsbereich des nicht selbstbestimmten Handelns zuwies und die individuelle moralische Phantasie zur Ursache aller sozialen Evolution erklärte.

Das 19. Jahrhundert war nicht nur das Jahrhundert der Romantik. Dessen erstes Drittel wurde ebenso durch den deutschen Idealismus und den Goetheanismus bestimmt. Doch während der lebendige Platonismus dieser Geistesströmungen die Gebildeten in ihrem geistigen Areopag vereinte, wuchs – von ihnen unbemerkt – eine neue Generation von radikalen Aristotelikern heran, die mit dem Anbruch des zweiten Drittels dieses Jahrhunderts Plato aus Deutschland vertreiben sollten. Die Geister, die dessen Fackel durch die Stürme der politischen und kulturellen Revolutionen zu retten versuchten, erscheinen von der Warte des Jahrhundertendes wie verirrte Wanderer, die sich mehr oder weniger verzweifelt bemühen, ein Licht durch die Finsternis tragen, ohne dass es verlöscht. Die Todesjahre Hegels (1831) und Goethes (1832) erscheinen wie Grenzmarken im Fluss der Zeit, die die Erinnerung an etwas bewahren, was der Vergessenheit anheimzufallen droht. Der späte Schelling stand Anfang der 40er Jahre in Berlin auf verlorenem Posten als einsamer Fackelträger eines Geistes, der unter den Wogen der materialistischen Flut unterging.

Fortsetzung: Vom Geist der Romantik


Anmerkungen

11) Peter Bierl, Ökofaschismus und New Age, in: ÖkolinX 11, Juni/Juli /August 1993, S. 32.

12) Zitiert nach: Richard Benz, Die romantische Geistesbewegung, Propyläen Weltgeschichte, 8. Band, S. 216.

13) Zitiert nach Ricarda Huch: Die Romantik, Tübingen o.J., S. 224.

14) Huch, a.a.O, S. 225.

15) Arendt, S. 367.

16) Die Ehen zur linken Hand waren ein exklusives Rechtsinstitut, das in Deutschland erst 1919 abgeschafft wurde. Es bezeichnete eine nach der Form der Antrauung benannte standesungleiche Ehe, deren vermögens- und rechtliche Wirkungen durch den Ehevertrag ausdrücklich festgelegt wurden. Da die Frau nur eine Morgengabe und nicht auch das Wittum erhielt, hieß diese Eheform morganatisch. Die Lage der unebenbürtigen Frau und der aus der Ehe entsprossenen Kinder wurde gegenüber der einfachen Missheirat durch Einräumung eines Titels und Ranges sowie von vermögensrechtlichen Vorteilen verbessert. Dagegen konnte der Ausschluss der Frau und der Kinder vom Standesrecht des hohen Adels, wie er bei der unebenbürtigen Ehe eintrat, nicht vertraglich beseitigt werden.

17) Der Ausdruck Bastard wurde aus dem Altfranzösischen ins Mittelhochdeutsche übernommen und ursprünglich auf Kinder angewandt, die aus der nicht rechtmäßigen (nicht standesgemäßen) Ehe eines Adligen stammten, aber vom Vater anerkannt wurden und erhielt im 19. Jahrhundert die weitere Bedeutung »uneheliches Kind« und »Mischling«. Die Anthropologie bezeichnet laut Brockhaus von 1967 als Bastarde Abkömmlinge  aus der Kreuzung von Angehörigen verschiedener Rassenkreise (europid-negrid, europid-mongolid usw.) . Manche Bastarde besitzen eigene Artnamen wie die Mulatten, Mestizen und (Rehoboter) Bastaards. An Mischlingen konnte die mendelnde Vererbung vieler Rassenmerkmale beim Menschen nachgewiesen und die Auffassung widerlegt werden, Rasse werde als Ganzes vererbt. Im Brockhaus heißt es weiter: »Infolge ihrer Stellung zwischen den Ausgangsrassen, die sich auch soziologisch und politisch auswirkt, spielen die Bastarde dort, wo sie häufiger vorkommen (Amerika, Indonesien), meist eine große Rolle im politischen Leben der Völker. Sie entstehen oft aus Kreuzungen zwischen Angehörigen der unteren Schichten beider Ausgangsrassen. Ebenso vollzieht sich ihre Entwicklung noch oft unter ungünstigsten Umweltbedingungen (Hafen-, Minenstädte, Unehelichkeit). Das führte zu der irrigen Annahme der generellen erblichen Minderwertigkeit der Bastarde. Entscheidend für die erblichen Anlagen sind in erster Linie Erbanlagen der sich kreuzenden Individuen. Auch die Frage einer allgemeinen Disharmonie der Bastarde auf Grund der oft extremen Verschiedenheit der Eltern ist umstritten.«

18) Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und soziale Frage, Luzifer-Gnosis, Oktober 1905, GA 34, S. 191 f.

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