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Vom Geist der Romantik

Das philosophische Programm der Romantik wurde von den Gebrüdern Schlegel, Novalis und anderen im Athenäum zwischen 1798 und 1800 formuliert. Deren Entwürfe werfen auch ein Licht auf Steiners Verständnis des Bildungs- und Kulturauftrags des deutschen Geistes. Wilhelm Schlegel brachte die höchsten sittlichen Ideale der Romantiker in dichterischer Form zum Ausdruck:

»Ich wollte dieses Leben
Durch ein unendlich Streben
Zur Ewigkeit erhöhn«

Ricarda Huch hat das Anliegen des Athenäum zusammengefasst:

»Ein majestätischer Idealismus ist die Weltanschauung, die das Athenäum proklamiert. An allem Äußerlichen, das die Mehrzahl der Menschen wichtig dünkt und sie beschäftigt, wird mit großartiger Nachlässigkeit vorübergegangen, oder das innerliche Wesen wird daraus hervorgesucht und dadurch die Alltäglichkeit ihren Verehrern entfremdet und auf eine hohe Stufe gerückt. »Nicht in die politische Welt verschleudere du Glauben und Liebe, aber in die göttliche Welt der Wissenschaft und Kunst opfere dein Innerstes in dem heiligen Feuerstrom ewiger Bildung.««19

Wissenschaft und Kunst werden von Friedrich Schlegel geradezu den Göttern und der Unsterblichkeit gleichgesetzt. Hierin unterschied er sich nicht sehr von Goethe, den Steiner zustimmend mit seinem Aphorismus zitierte:

»Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion, Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.«20

Ricarda Huch fährt fort: »Als der höchste Vorzug der Deutschen wird ihr Idealismus hingestellt: »Nicht Hermann und Wodan sind die Nationalgötter der Deutschen, sondern die Kunst und die Wissenschaft.«21 Die Athenäisten waren sich aber der Tatsache bewusst, wie wenig die deutschen Verhältnisse ihren Ansprüchen genügten, deswegen formulierten sie ja diese Ansprüche. Das Athenäum: »es gibt nur wenige Deutsche«, die ihrem Begriff genügen. Die Romantik strebte nach Universalität und Totalität von Bildung und Entfaltung der menschlichen Existenz.

»Universalität ist Wechselbetätigung aller Formen und Stoffe.« Kunst und Wissenschaft sollten nicht mehr in getrennten Bahnen verlaufen, sondern sich gegenseitig befruchten: »Alle Kunst soll Wissenschaft und alle Wissenschaft soll Kunst werden; Poesie und Philosophie sollen vereinigt werden.« Ganz ähnlich Steiner 1919 in seiner Ansprache bei der Eröffnungsfeier der ersten Waldorfschule in Stuttgart: »Und ist es nicht schließlich eine höchste religiöse Verpflichtung, das Göttlich-Geistige, das ja in jedem Menschen, der geboren wird, neu erscheint und sich offenbart, in der Erziehung zu pflegen? Ist dieser Erziehungsdienst nicht religiöser Kult im höchsten Sinne des Wortes? ... Lebendig werdende Wissenschaft, lebendig werdende Kunst, lebendig werdende Religion, das ist schließlich Erziehung.«22 Die Poesie, die auf ihrer höchsten Stufe der Verwirklichung eins wird mit der Wissenschaft und mit dieser zusammen in Religion mündet, das ist romantische Poesie, Universalpoesie, Poesie der Poesie. Für das athenäische Verständnis vermag die Poesie alles zu verunendlichen, denn selbst im geringsten, scheinbar unbedeutendsten Gegenstand verbirgt sich ein Unendliches. Auch hierzu schuf Goethe eine von Steiner häufig zitierte Formel: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ...«23  Dies bedeutet aber nicht, dass das Vergängliche verachtet wird, denn nur wenn es mehr beachtet und geachtet wird, als dies im Alltag der Fall ist, kann das Unvergängliche, dessen Gleichnis das Vergängliche ist, überhaupt in ihm entdeckt werden.

Alles sollte so betrachtet werden, dass darin der göttliche Urgrund, aus dem es stammt, sichtbar werde. Das verstanden die Athenäisten unter Poetisierung der Welt. Sie sahen sich mit ihrem Anliegen in deutlichem Gegensatz zur platten Aufklärung, die die gesamte Welt nur nach teleologischen und utilitaristischen Grundsätzen beurteilte. Solche Aufklärer wie Nicolai, Wolff und andere waren für die Romantiker vernünftig, aber dumm. Das Athenäum: »Es gibt rechtliche und angenehme Leute, die den Menschen und das Leben so betrachten, als ob von der besten Schafzucht oder vom Kaufen oder Verkaufen der Güter die Rede wäre. Es sind Ökonomen der Moral, und eigentlich behält wohl alle Moral ohne Philosophie einen gewissen illiberalen und ökonomischen Anstrich ... Es gibt ökonomische Schwärmer und Pantheisten, die nichts achten als die Notdurft und sich über nichts freuen, als über ihre Nützlichkeit. Wo sie hinkommen, wird alles platt und handwerksmäßig, selbst die Religion, die Alten und die Poesie, die auf ihrer Drechselbank um nichts edler ist als Flachshechseln.«

Der Anspruch des Athenäum war aristokratisch und elitär, zugleich aber auch demokratisch und egalitär. Denn Eintritt in die unsichtbare Kirche derer, die sich dem romantischen Geist verbunden fühlten, musste und konnte nur die Selbstbefähigung gewähren. Nicht durch Abkunft oder Geburt, sondern nur durch freie Selbsteinweihung adelt sich der Einzelne zum Aristokraten des Geistes. Eines jeden Beruf ist es, sich zum Künstler, zum Menschen zu bilden und sich dadurch dem Göttlichen anzunähern. Die Würde des Menschen, die der Adel für sich beanspruchte, gehört jedem Einzelnen: »Künstler ist ein jeder, dem es Ziel und Mitte des Daseins ist, seinen Sinn zu bilden.« Allerdings ist dazu erforderlich, »sich auf ewig von allem Gemeinen abzusondern.« Es ist des Menschen höchster Beruf, durch Bildung und allseitige Entwicklung seiner Fähigkeiten über seinen Naturzustand hinaus zu wachsen und zugleich ist dieser Naturzustand des Menschen das Genie, das durch Bildung erst zu einem Bewusstsein seiner selbst erweckt werden muss. »Jeder ungebildete Mensch ist eine Karikatur von sich selbst.« Sich Bilden heißt: sich durch Selbsterziehung immer mehr seinem eigenen Ideal anzunähern. Nicht anders sah auch Steiner die Entfaltung des Menschen, wenn er in der Philosophie der Freiheit 1894 schrieb: »Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen, die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes, ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen [...] Der Mensch bleibt in seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift und sich durch eigene Kraft umbilden.«24 Der Mensch muss die rauhe Schale abwerfen, um zu seinem Kern zu gelangen, er muss sich selbst erziehen, seiner Seele eine edlere Gestalt geben, als sie sie von Natur besitzt: nur indem die Erscheinung des Menschen ein Abbild seines selbstgeschöpften Ideals wird, vermag er den Widerstreit zwischen Vernunft und Sinnlichkeit zu versöhnen. Novalis: »Der Adel des Ichs besteht in freier Erhebung über sich selbst – Laster ist eine ewig steigende Qual, Abhängigkeit vom Unwillkürlichen, Tugend ein ewig steigender Genuss, Unabhängigkeit vom Zufälligen.«

Friedrich Schlegel drückte diesen Glauben der Romantik an die Allfähigkeit des Menschen, an seine Entwicklung durch Selbstbildung, prägnant aus: »Jeder gute Mensch wird immer mehr und mehr Gott. Gott werden, Mensch sein, sich bilden sind Ausdrücke, die einerlei bedeuten.« Aber nicht um Selbstvergottung um ihrer selbst willen geht es, nicht um Befriedigung der Eitelkeit oder schnöden Egoismus der Glückseligkeit, sondern um die Anderen, an denen wir Anteil nehmen und eben, indem wir unser Wesen durch Anteilnahme an ihnen erweitern, gelangen wir erst zur Humanität: »Kein Mensch ist schlechthin Mensch, sondern kann und soll wirklich und in Wahrheit auch die ganze Menschheit sein.« Novalis beschreibt das romantische Bildungsideal wie folgt: »Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transzendenten Ichs zu bemächtigen, das Ich seines Ichs zugleich zu sein.« Auch dies wieder eine Formel für das Streben nach Allseitigkeit und Tiefe der Individualität. Friedrich Schlegel betont in seiner Lucinde, dass Bildung sich nur am Menschen, durch den Menschen und für den Menschen vollzieht: »Nur in der Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche Einheit ganz fühlen. Dann will der Verstand den inneren Keim der Gottähnlichkeit entfalten, strebt immer mehr nach dem Ziele und ist so voll Ernst, die Seele zu bilden, wie ein Künstler das eigene geliebte Werk. In den Mysterien der Bildung schaut der Geist das Spiel und die Gesetze der Willkür und des Lebens. Das Werk des Pygmalion bewegt sich, und den überraschten Künstler bewegt ein Schauern im Bewusstsein eigener Unsterblichkeit, und wie der Adler des Ganymedes reißt ihn die göttliche Hoffnung mit mächtigem Fittich zum Olymp.«

In der Frühromantik ist auch jenes individualistische Verständnis von Religion vorgeformt, auf das Steiner in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Anknüpfung an diese Bildungsstufe des europäischen Geistes zurückkommt.

»Die Religion ist nicht bloß ein Teil der Bildung, ein Glied der Menschheit, sondern das Zentrum aller übrigen, überall das Erste und Höchste, das schlechthin Ursprüngliche.« Nichts anderes meint Steiner, wenn er den Wahlspruch der Rosenkreuzer zitiert: jenes ex deo nascimur – in Christo morimur – per spiritum sanctum reviviscimus. Aus dem Göttlichen geht der Mensch hervor, im Göttlichen erstirbt sein sterbliches Wesen, aus dem Göttlichen zeugt er sich selbst als Unsterblicher. Die Romantiker sehen den Menschen auf dem Wege, als Wanderer, dem aber das Wissen um sein ihm bestimmtes Ziel eingeboren ist. Auch hier wieder Goethe: »Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst«25; und das Athenäum: »Dein Ziel ist Kunst und Wissenschaft, dein Leben Liebe und Bildung. Du bist, ohne es zu wissen, auf dem Wege zur Religion. Erkenne es, und du bist sicher, dein Ziel zu erreichen.«

Nicht konventionell oder traditionell ist diese Religion gemeint, sondern spirituell: jeder Einzelne ist umflossen von ihr, sofern er sich überhaupt zur Sittlichkeit erhebt, die wiederum individualistisch konzipiert wird und nicht normativ oder kollektiv: »Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposition gegen die positive Gesetzlichkeit und konventionelle Rechtlichkeit – eine grenzenlose Reizbarkeit des Gemütes.« Die individuelle Form der Sittlichkeit, die Steiner in seiner Philosophie der Freiheit als aus der moralischen Phantasie entspringend denkt, steht über dem Gesetz, auch wenn sie nicht zu ihm im Widerspruch stehen muss, es sei denn, das Gesetz selbst ist nicht Ausdruck der Humanität. Der freie Geist im ethischen Individualismus Steiners strebt nicht nach Glückseligkeit, denn Glückseligkeit ist kein vollbestimmter Strebensinhalt, er strebt nach Totalität seines Wesens, nach Erweiterung seiner Existenz, nach Durchdringung der Welt mit seinem Geist, nach Universalität, Vergöttlichung der Natur einschließlich seiner eigenen, weil die höchste Selbstliebe Liebe zum höheren Selbst ist, das die Schöpfung mit all ihren Wesen einschließt. Ähnlich Novalis: »In der Tat ist es keinem nachdenkenden Menschen in den Sinn gekommen, ein so flüchtiges Wesen wie Glückseligkeit zum höchsten Zweck, gleichsam also zum ersten Träger des geistigen Universums zu machen. Ebenso könnte man sagen, dass die Weltkörper auf Äther und Licht ruhten. Wo ein fester Punkt ist, da sammelt sich Äther und Licht von selbst und beginnt seinen himmlischen Reigen; wo Pflicht und Tugend – Analoga jener festen Punkte – sind, da wird jenes flüchtige Wesen von selbst ein- und ausströmen und jene kalten Regionen mit belebender Atmosphäre umgeben.«

Geradezu eine prophetische Beschreibung der von Steiner begründeten Anthroposophie bis hin zum methodischen Ansatz stellt der folgende Aphorismus von Novalis dar: »Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen, sie ist immer offenbar! Würden wir plötzlich so elastisch, als es nötig wäre, so sähen wir uns mitten in ihr. Unser jetziger mangelhafter Zustand macht immer eine Heilmethode nötig, sie bestand ehemals in Fasten und moralischen Reinigungen, jetzt wäre vielleicht die stärkende Methode nötig.« In dem von Novalis gemeinten Sinne beruht der anthroposophische Schulungsweg, der des Menschen Seele so elastisch werden lässt, dass sich ihrem Auge die Geisterwelt eröffnet, nicht auf einer Herabdämpfung des Bewusstseins wie im Mediumismus oder im Somnambulismus, sondern auf dessen Stärkung, Steigerung, Erkraftung.

In eine ähnliche Richtung gehen die Fragmente des Novalis: »Wir müssen den Körper wie die Seele in unsere Gewalt bekommen. Der Körper ist das Werkzeug zur Bildung und Modifikation der Welt; wir müssen also unsern Körper zum allfähigen Organ auszubilden suchen. Modifikation unseres Werkzeugs ist Modifikation der Welt.« Ebendiese Gedanken liegen auch der Anschauung Steiners von der Verwandlung, der Transmutation des leiblichen Wesens des Menschen durch die kultivierende Arbeit des Ich zugrunde. Das höchste, das der Mensch besitzt, ist nach Steiner sein physischer Leib: ein Tempel Gottes, aber dem menschlichen Ich mangelt es an Bewusstsein von der Fülle der Gottheit, die in diesem Tempel gegenwärtig ist. Das Ich strebt danach, das Unbewusste in Bewusstes zu verwandeln [hierin ist Freud der Romantik verpflichtet] und durch die eigene Göttlichwerdung mit dem Göttlichen eins zu werden.

Was dieser Bewusstwerdung der unbewussten Göttlichkeit entgegensteht, ist die Trägheit der Seele, die vom Endlichen und Vergänglichen fasziniert, diesem erliegt. Nur die Befreiung von der Schwere des Endlichen setzt das menschliche Ich imstande, dieses zu gestalten und zu vergeistigen. Novalis drückt diesen Gedanken in seiner kristallenen Sprache aus: »Das Fatum, das uns drückt, ist die Trägheit unseres Geistes. Durch Erweiterung und Bildung unserer Trägheit werden wir uns selbst in das Fatum verwandeln. Alles scheint auf uns hereinzuströmen, weil wir nicht herausströmen. Wir sind negativ, weil wir wollen; je positiver wir werden, desto negativer wird die Welt um uns herum, bis am Ende keine Negation mehr sein wird, sondern wir alles in allem sind. Gott will Götter.«

Die Verwandlung und Erhöhung der Natur in Geist und durch den Geist, die Erweiterung des Menschen-Ich zum All, die Verschmelzung des Abbildes der Gottheit mit dem Urbild, ohne dass jenes seine individuelle Wesens-Distinktion verlöre, dieser tiefste eschatologische Gedanke des Christentums, den Clemens von Alexandrien und Origenes im Begriff der Apokatastasis, der Wiederherstellung aller Dinge und der moralischen Intuition der Mitarbeit des Menschen am göttlichen Erlösungswerk zusammenfassten, die sie wie jene von Paulus empfingen, umschreibt das Fernziel der Menschheitsentwicklung, das auch Steiner vorschwebte. Schelling drückte denselben Gedanken wie folgt aus: »Nur in dem Punkte, wo das Ideal uns selbst ganz auch das Wirkliche, die Gedankenwelt zur Naturwelt geworden ist, allein in diesem Punkte liegt die letzte, die höchste Befriedigung und Versöhnung der Erkenntnis, wie die Erfüllung der sittlichen Forderungen allein dadurch erreicht wird, dass sie uns nicht mehr als Gedanken, z.B. als Gebote erscheinen, sondern zur Natur unserer Seele und in uns wirklich geworden sind.« Ohne sittliche Entwicklung, ohne Fortschritt von der normativen zur Freiheitsethik ist, wie der zweite Teil des Schellingzitates in Übereinstimmung mit Steiners Überlegungen in seiner Philosophie der Freiheit deutlich macht, dieses Ziel nicht zu erreichen. »Erst wenn wir den Weltinhalt zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben«, heißt es in der Philosophie der Freiheit Steiners, ist die Versöhnung von Ich und Natur erfolgt.26 Gemeint ist aber nicht der abstrakte Gedanke, gemeint ist das geistige Einswerden des erkennenden Menschen-Ich mit den geistigen Gestaltungskräften des Kosmos.

Ricarda Huch über die Politik der Romantik: »Durchaus unrichtig ist ... dass die romantische Richtung »mit politischem und kirchlichem Obskurantismus« notwendig verbunden sei. ... Den Gegnern der Romantik ganz besonders zuwider war, dass sie die Politik nicht von der Religion trennen wollten. Es gehört zu ihren wesentlichen Ideen, dass die Religion die Grundlage – oder Spitze – der Wissenschaft, der Kunst und des staatlichen Lebens sei ... In ihren Augen war »Recht tun und Gerechtigkeit üben einzig wahre Politik«, der Staat eine Pflanzschule der Humanität, weder dazu da, um auf der einen Seite Freiheit, noch um auf der anderen Macht zu gewährleisten, Ansichten, die denen der Fürsten und Minister ganz und gar nicht entsprachen und von denen sie sich nur aneigneten, was ihre Reaktionspolitik theoretisch stützen konnte. ... Mit den Zuständen, die die Reaktion herbeiführte, konnten die Romantiker sich ebensowenig einverstanden erklären wie mit denen, die eine nivellierende Revolution wollte, und taten sie es doch, so war es Resignation der Alternden und Kampfesmüden. ... In allen Fragen ist es so: hatten die Romantiker im Allgemeinen das Recht der Stämme und Nationalitäten vertreten, so rief doch Ringseis warnend, sowie sich das gefährliche, kulturfeindliche dieser Richtung zeigte: »Lassen wir uns nicht vom Nationalitätsteufel umgarnen: – Was würde in Zukunft geschehen, wenn die Nationen sich isolierten!««27

Mit diesem Urteil Ricarda Huchs stimmt Hannah Arendt überein, wenn sie über Görres, E.M. Arndt und den Turnvater Jahn schreibt, dass diese sich »noch ganz im Rahmen nationalen« und nicht rassischen oder gar rassistischen Denkens bewegt hätten. »Der Prüfstein hierfür ist«, so Arendt, »dass die gleichen Männer, die (wie Jahn) das Leben der Menschen mit dem der Tiere vergleichen, doch darauf bestehen, dass »ein jedes verlöschende Volkstum ein Unglücksfall für die Menschheit [sei] ... [denn] in einem Volke kann sich der Adel der Menschheit nicht einzig aussprechen«. In dem gleichen Sinne meint Görres: »Es hat kein Stamm einen Anspruch auf den Besitz eines anderen«, und Arndt war ein begeisterter Vorkämpfer der italienischen und polnischen nationalen Befreiungsbewegungen.«28 Im übrigen, so Arendt, blieb die »Entwicklung des deutschen Nationalgefühls« »entscheidend an der Tatsache der Fremdherrschaft und nationalen Unterdrückung orientiert, es blieb ein Reaktionsgefühl, das ohne die Realität eines äußeren Feindes seinen Sinn verlor ...«29

Die Naturwissenschaft der Romantik wurde durch Gestalten wie Hufeland, Schelling, Oken, Kieser, Ennemoser, Schubert und Carus geprägt.

Hufeland (1762-1836), der Begründer der Makrobiotik, war einer der letzten großen Vollärzte. 1795 begann er mit der Herausgabe seines Journals der practischen Arzneykunde und Wundarzney. Mit diesem Periodikum schuf er ein Forum, auf dem auch eine theoretische Diskussion über Homöopathie, Akupunktur, Wasserheilkunde und andere medizinische Neuerungen des 19. Jahrhundert ausgetragen werden konnte. Hufeland war mit Herder, Wieland, Schiller und Goethe befreundet. Seine Ideen zur Makrobiotik trugen ihm 1792 eine Berufung an die Universität Jena durch den Herzog Karl August von Sachsen, und im Jahr 1800 zum Leibarzt des preußischen Königs ein. Unter Makrobiotik verstand Hufeland eine Kunst, das Leben zu verlängern, die nicht auf künstlichen Veranstaltungen beruhte, sondern auf der Berücksichtigung der Lebensregeln des Organismus. Während er den obersten Zweck der Medizin darin sah, Krankheiten zu beseitigen, erkannte er als Makrobiot die Möglichkeit an, dass manche Krankheiten das Leben des Menschen verlängern. Das größte Geheimnis, um alt zu werden, sah Hufeland im Einhalten des rechten Maßes in den inneren und äußeren Lebensverhältnissen, während alle Extreme dem Leben schädlich seien.

Lorenz Oken (1779-1851) veröffentlichte 1803 seine Naturphilosophie. Er wirkte ab 1832 an der Universität Zürich. Zwischen 1817 und 1843 gab er die naturhistorische Zeitschrift Isis heraus und gründete die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, deren erste Zusammenkunft 1822 in Leipzig stattfand, jene Gesellschaft, die ab den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum Schauplatz der Kämpfe zwischen Materialisten und Spiritualisten wurde, der schließlich mit der vollständigen Verdrängung der letzteren aus der deutschen Kultur- und Bildungswelt endete.

Dietrich Georg Kieser (1779-1862) wirkte ab 1812 als Professor der Medizin in Jena. Er veröffentlichte 1822 sein System des Tellurismus, in dem er zu zeigen versuchte, wie das himmlische (planetarische und kosmische) Leben auf das irdische Leben Einfluss nimmt. Er schuf eine an Schellings Naturphilosophie anknüpfende Gesundheits- und Krankheitslehre, für die die Polarität zwischen positivem und negativem Prinzip von grundlegender Bedeutung ist.

Joseph Ennemoser (1787-1854), Sprössling einer Südtiroler Bauernfamilie, promovierte, nach seiner Teilnahme am Tiroler Aufstand 1809, 1816 an der Berliner Universität in Medizin. Hier traf er mit dem Vertreter des Mesmerismus Karl Christian Wolfart zusammen. Seine durch diese Begegnung angeregte Beschäftigung mit dem Lebensmagnetismus führte zu einer Reihe von Arbeiten über Psychologie und Anthropologie. Seit 1819 war er Inhaber eines Lehrstuhls in Bonn.

Der Mesmerismus, ein empirisches Ingrediens der damaligen naturphilosophischen Diskussion, das auch in Schellings System der Philosophie eine bedeutende Rolle spielte, ging auf den Wiener Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) zurück, der das Konzept des tierischen Magnetismus formuliert hatte. Er entwickelte, aufbauend auf dem tierischen Magnetismus, eine umfassende Theorie des Heilens. Grundlage für die magnetischen Phänomene bildete eine kosmische Kraft, die »Allflut« oder das »universelle Fluidum«, eine unerschöpfliche Quelle von Lebenskräften, die auch den menschlichen Organismus durchdringen und beleben. Diese kosmischen Kräfte wirken insbesondere über das tierische Nervensystem in Gestalt des Nervenfluidums. Krankheiten sind auf Stauungen oder Stockungen des Flusses dieses Fluidums zurückzuführen, Heilung erfolgt, wenn diese Stauungen mit Hilfe des Magnetisierens aufgelöst werden.

Mesmers medizinisches Konzept beruhte auf naturphilosophischen Ansichten, die ihn in der Heilung eine Nachahmung der Natur sehen ließen. So wie die Erde ihre maritimen Wassermassen durch Ebbe und Flut in ständiger Bewegung erhält, müssen auch die Fluten des kosmischen Lebens im menschlichen Organismus in ständiger Bewegung erhalten werden. Kommt es im Organismus zu Stauungen dieses Flusses, muss er wieder in Gang gebracht werden. Gleichzeitig lehnte sich Mesmer an Newton an, indem er in Analogie zur physikalischen Schwerkraft eine animalische Schwerkraft – »gravitas animalis« – postulierte, die in alle Teile des Körpers eindringt und sogar die Nervenflüssigkeit erfasst. Seine Erfahrungen und Heilerfolge schienen diese Hypothesen, die er bereits in seiner Dissertation Über den Einfluss der Gestirne auf den menschlichen Körper30  formulierte, zu bestätigen.

Während er allmählich in ganz Europa zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses wurde, versagten ihm die wissenschaftlichen Institutionen ihre Anerkennung. Eine Untersuchungskommission der Pariser Akademie unter der Leitung von Benjamin Franklin (!), lehnte seine Theorien als unwissenschaftlich ab.31 Sein Hauptwerk Mesmerismus oder das System der Wechselwirkung erschien kurz vor seinem Tod 1814. Die Romantik griff den Mesmerismus auf und wendete seine Bedeutung ins Psychologische und Spirituelle. Das 19. Jahrhundert war vom Mesmerismus in erheblichem Maß beeinflusst, dessen Konzept sich nicht nur in der Medizin, sondern auch in den übrigen Wissenschaften, in der Kunst und im Alltag auswirkte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte der Mesmerismus in der Anwendung der Hypnose bei der Therapie seelischer Erkrankungen, in der Psychiatrie und gegen Ende des Jahrhunderts in der sich entwickelnden Psychotherapie erneute Aktualität.

Gotthilf Heinrich Schubert, der Arzt und Naturphilosoph (1780-1860), veröffentlichte 1806 seine Vorlesungen Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften. Sein Anliegen bestand darin, die dunklen Botschaften der verborgenen natura naturnah aus jenen Erscheinungen zu erkennen, in denen sie sich mehr kundgibt, als in den Phänomenen der Mechanik. Er setzte sich philosophisch mit dem tierischen Magnetismus auseinander. In den zwanziger Jahren konnte er dieses Interesse durch Versuche mit der Seherin von Prevorst vertiefen, die er zusammen mit Justinus Kerner durchführte. Auch Heinrich Jung-Stillings Geisterkunde (1808) gehört in den Umkreis der romantischen Naturphilosophie und Medizin. Schubert befasste sich im Sinne des philosophischen Universalgelehrtentums auch mit Geologie, Naturgeschichte, Astronomie und Kunstgeschichte. Mit seiner Arbeit über die Symbolik des Traumes beeinflusste er nicht nur maßgeblich die romantische Psychologie, sondern auch das gesamte Weltverständnis seiner Epoche.

Carl Gustav Carus (1789-1869) war seit 1817 Professor für Frauenheilkunde in Dresden. Ab 1827 wirkte er als königlicher Leibarzt. Goethe übte einen starken Einfluss auf ihn aus, der sich in seinen naturwissenschaftlichen, medizinischen und psychologischen Studien bemerkbar machte. Er führte in seiner Psyche (1846) Jahrzehnte vor Freud den Begriff des Unbewussten ein.

In diese Reihe gehört auch Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie. Sein Organon der rationellen Heilkunst erschien erstmals im Jahr 1810. Bereits 1807 hatte der Meißener für sein neues System der Heilkunde den Begriff der Homöopathie geprägt. Hahnemann erlangte 1779 in Heidelberg die medizinische Doktorwürde, siedelte 1785 nach Dresden und 1789 nach Leipzig über. Er übte scharfe Kritik an den in der Humoralpathologie gebräuchlichen ableitenden therapeutischen Maßnahmen (Aderlass). 1790 unternahm er Selbstversuche mit der Chinarinde und beobachtete an sich alle Symptome des Wechselfiebers. Dieser Selbstversuch führte ihn auf die Idee des homöopathischen Prinzips: eine Pflanze vermag deshalb, eine Krankheit zu heilen, weil sie imstande ist, beim Gesunden Erscheinungen hervorzurufen, die den Krankheitssymptomen ähnlich sind. Schon im Jahr 1796 begründete Hahnemann seine neue medizinische Auffassung in Hufelands Zeitschrift und formulierte eine offene Kampfansage gegen die allopathische Medizin. Ab 1801 trat in seiner Arzneimittellehre das Prinzip der Potenzierung hinzu. 1811 habilitierte er sich in Leipzig und gründete 1813 eine Arbeitsgemeinschaft für Arzneimittelprüfungen, aus deren Tätigkeit die homöopathischen Repertorien hervorgegangen sind. Als die Leipziger Apotheker – Vorläufer der pharmazeutischen Industrie – gegen die Heilmittelherstellung Hahnemanns klagten, verlegte er seine Praxis nach Köthen und emigrierte 1835 nach Paris.

Auch der »Prophet« der Seherin von Prevorst, Justinus Kerner (1786-1862), war Arzt. 1829 erschien seine zweibändige Krankengeschichte der Friederike Hauffe, die zwischen 1825 und ihrem Tod 1828 im Haushalt Kerners lebte. Die Seherin war nach innen und nach außen hellsichtig. Sie vermochte die inneren Vorgänge in den Organen ihres Körpers imaginativ wahrzunehmen, wie auch spirituellen Kontakt mit der gesamten Körper- und Geisterwelt aufzunehmen. An der Seherin von Prevorst konnte Kerner eine Art von natürlicher Heilkraft beobachten. Sie selbst verordnete sich die magnetischen Behandlungen, die Kerner an ihr durchführte. Ihr Schutzgeist, die Seele ihrer verstorbenen Großmutter, beriet sie bei diesen Fragen. Die Seherin war auch imstande, sich in die Organismen anderer Menschen einzufühlen und ihre Gesundheits- und Krankheitszustände an sich wahrzunehmen. Auf diesem Wege stellte sie Diagnosen und bewirkte Heilungen. Besonderes Aufsehen erregte ihre Fernheilung der Gräfin von Maldeghem, die an fixen Ideen litt. Durch Gebete, Amulette und Johanniskrauttee, also eine Kombination aus geistigen und naturheilkundlichen Mitteln, befreite die Seherin die Gräfin von ihren psychoneurotischen Symptomen.

Wenn Ricarda Huch bemerkt, das 19. Jahrhundert habe sich im Lauf seines Wachstums von denen, »die seine Geburtshelfer und Taufpaten waren, undankbar und verkennend abgewandt«32, so spricht sie eine Auffassung aus, die mit der hier vertretenen übereinstimmt.

Fortsetzung: Steiners Bildungsgeschichte


Anmerkungen

19) Huch, a.a.O., S. 53. Alle folgenden Originaltexte der Romantiker werden, soweit nicht anders vermerkt, nach dieser Publikation zitiert.

20) J.W. von Goethe, Zahme Xenien, dtv Gesamtausgabe 4, München 1961, S.72.

21) Huch, a.a.O., S. 53.

22) Rudolf Steiner, Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, Dornach 1975 (tb), S. 10.

23) Goethe, Faust II.

24) Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Dornach 1978, S. 170.

25) Goethe, Faust I, Prolog im Himmel.

26) Steiner, a.a.O., S. 29.

27) Huch, a.a.O., S. 635-638.

28) Arendt, a.a.O., S. 368.

29) Arendt, a.a.O., S. 368.

30) De planetarum influxu super corporis humani, 1766.

31) Mit dem Erfinder des Blitzableiters saß in Paris ein »Materialist« über einen »Spiritualisten« zu Gericht. Angesichts des mystischen Status der Atomtheorie, die von den »exakten« Physikern und Chemikern des 19. Jahrhunderts vertreten wurde und der nicht zu leugnenden Heilerfolge Mesmers, mutet das Verdikt über dessen magnetische Theorie vermessen an. Über Franklin wird die charakteristische Anekdote erzählt, dass er anlässlich eines Abschiedsbanketts vor dem Abendessen über einen Fluss hinweg den Spirituskocher mit Hilfe eines elektrischen Funkens gezündet und die zum Essen bestimmte Pute mit einem Stromstoß getötet habe. Die Gäste hätten aus elektrisierten Sektgläsern getrunken und beim Knall der Entladung elektrischer Batterien auf das Wohl aller berühmten Elektriker angestoßen. Vgl. K. Simonyi: Kulturgeschiche der Physik, Frankfurt a. M. 1995, S. 329.

32) Huch, a.a.O., S. 63.

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