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Anthroposophie / trithemius verlag / Jahrbuch 2002 Abraham

Abrahamitische Kultur – Die Kultur, von der alles Heutige ausgegangen ist

Abraham und Melchisedek, Dieric Bouts der Ältere ca. 1467

Von Lorenzo Ravagli

Auszug aus dem Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2002


Abraham ist eine der zentralen Figuren in der Geschichte des frühen Judentums. Die vergleichende Religionsforschung spricht jedoch auch von den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Abraham ist nicht nur der Gründungsvater der jüdischen, sondern auch der beiden anderen monotheistischen Religionen.

Auch Rudolf Steiner hat sich aus esoterischer Sicht intensiv mit Abraham beschäftigt. Seine Deutung dieser Gestalt ist einzigartig und vielschichtig.

Noah hat drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Abraham geht aus dem Geschlecht Sems hervor, sein Vater ist Tarah. Zuerst heißt er Abram, erst später erhält er den Namen Abraham. In Chaldäa geboren, zieht er mit seinem Vater, seiner Frau und Halbschwester Sarai (später Sara) und anderen nach Kanaan. Um einer Hungersnot zu entgehen, wandert er mit seiner Frau nach Ägypten. Er verschweigt, daß sie seine Frau ist und gibt sie als seine Schwester aus, sie wird vom Pharao auf und zur Frau genommen und Abram wird »um ihretwillen« viel Gutes zuteil. Nach der Entdeckung des Schwindels läßt ihn der Pharao, ohne ihm zu zürnen, ziehen. Abram läßt sich in Kanaan nieder und Lot, der Sohn seines früh verstorbenen Bruders Haran, wandert weiter nach Sodom. Verschiedentlich werden Abram, der im Hain Mamre bei Hebron seine Zelte aufschlägt, Verheissungen durch den Herrn zuteil, die sich auf die Zahl seiner Nachkommen, den Besitz von Land – vom Nil bis zum Euphrat –, beziehen. Dem steht gegenüber, daß seine Frau unfruchtbar ist. Lot wird in kriegerischen Auseinandersetzungen vom König von Elam, Kedor-Laomer, gefangengesetzt, aber Abram befreit ihn und wird bei seiner Rückkunft vom König von Salem, dem »Priester des Höchsten«, mit Brot und Traubensaft gesegnet. Sarai gibt Abram die ägyptische Magd Hagar, die ihm einen Sohn, Ismael, gebiert. Die Verbindung hat den Segen des Herrn, zumindest seines Engels. Über Ismael wird eine unheilschwangere Verheissung ausgesprochen: »Er wird ein wilder Mensch sein: seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz.« (1 Mos 15, 12) Nach der Geburt Ismaels erfolgt die Bekräftigung des ewigen Bundes, der sich auf Abram und all seine Nachkommen erstreckt, dessen Zeichen, die Beschneidung der Knaben, vom Herrn eingesetzt wird. Abram und Sarai erhalten ihre neuen Namen. Das erste Buch Mose berichtet danach von jener rätselhaften Erscheinung des Herrn vor Abraham im Hain Mamre in Gestalt dreier Männer, die die Geburt Isaaks ankündigen. Die nächste Episode ist die Fürbitte Abrahams für Sodom, das der Herr wegen seiner Sünden vernichten will. Anfangs sollen fünfzig Gerechte die Stadt retten können, aber Abraham bleibt hartnäckig und handelt die Zahl auf zehn herunter. Aber es findet sich auch nicht ein Gerechter in Sodom und Gomorrha, die unter Schwefel und Feuer mitsamt ihren Bewohnern begraben werden. Nur Lot kann flüchten, verliert aber seine Frau, die sich umsieht und zur Salzsäule erstarrt. Kurz darauf machen die beiden Töchter Lots ihren Vater betrunken und legen sich zu ihm. Beide werden schwanger: die eine wird zur Urmutter der Moabiter, die andere zu der der Ammoniter. Abraham zieht mit seiner Frau nach Gerar zwischen Kadesch und Schur, dessen König Abimelech gegenüber er sie als seine Schwester ausgibt und es wiederholt sich die Geschichte, die uns bereits vom ägyptischen Pharao bekannt ist. Zur Rede gestellt, erklärt Abraham, daß Sarah wohl seine Schwester sei, denn sie sei seines Vaters Tochter, da sie aber nicht seiner Mutter Tochter sei, habe er sie zur Frau nehmen können. Ehe zwischen Blutsverwandten wird also nicht als verwerflich betrachtet. Auch von Abimelech wird Abraham reich beschenkt. Endlich wird ihm, der bereits hundert Jahre alt ist, der verheissene Sohn geboren. Die Magd Hagar wird mit ihrem Sohn verstoßen, aber der Engel des Herrn geleitet sie. Der Herr teilt Abraham mit, daß nur nach Isaak sein Geschlecht benannt werden solle. Nun folgt die »Versuchung« Abrahams, die Aufforderung des Herrn, seinen Sohn im Lande Morija zu opfern. Abraham gehorcht und im letzten Augenblick tritt an die Stelle Isaaks ein Widder. Nach dem Tod Saras nimmt sich Abraham eine zweite Frau namens Ketura, die ihm sechs weitere Söhne gebiert. Er stirbt im Alter von 175.

Viele Motive aus dem Leben des Patriarchen und Stammvaters des jüdischen Volkes wurden vom Christentum als Prophetien gedeutet. So der Besuch der drei Männer im Hain Mamre als Hinweis auf die Trinität, die Segnung durch Melchisedek als symbolische Ankündigung des letzten Abendmahls, die Zerstörung Sodom und Gomorrhas als Hinweis auf das letzte Gericht, die gerade noch verhinderte Opferung des Sohnes als Prophetie Golgathas. Aber auch die Frauengestalten Sara und Hagar bildeten Inhalte der christlichen Selbstinterpretation: Sara wurde zum Symbol des himmlischen Jerusalem und der freien Christenheit bzw. der Kirche und Hagar zu dem des irdischen Jerusalem und der Knechtschaft des Judentums. (Gal 4,21-31). Traditionell wurden die Ismaeliten als die Vorväter der heutigen Araber betrachtet – bis heute findet die unheilschwangere Prophezeiung über Ismael sogar im politischen Denken als Mythos Verwendung, während militante zionistische Gruppierungen sich auf die Landverheissung beziehen und von einem Großisrael träumen.

Abraham im Licht der Geistesforschung

Steiner greift Motive der christlichen Deutung Abrahams auf, wie die Segnung durch Melchisedek, das Opfer des Sohnes, gibt ihnen aber einen völlig neuen Sinn, charakterisiert, am Buch Mose orientiert, die Seelen- und Charaktereigenschaften Abrahams, beschreibt seine Bewußtseinsform und legt eine absolut originelle Deutung der bewußtseinsgeschichtlichen Aufgabe Abrahams und des jüdischen Volkes vor. Er rehabilitiert die spirituellen Überlieferungen des alten Judentums gegenüber den Verengungen durch die Kirchen. Er konkretisiert die alte religiöse Tradition von der göttlichen Führung der Menschheit, indem er die Wege detailliert beschreibt, die sie genommen hat. In einem radikalen Geistrealismus schreibt er die religiöse Geschichte fort, indem er deren Traditionen dem modernen Bewußtsein und seinen Denkformen verständlich macht. Er nimmt die religiösen Urkunden in einer Weise beim Wort, die in der Geschichte ihrer Rezeption an die großen Leistungen Philo von Alexandriens, des Origenes, des Augustinus, des Moses Maimonides und anderer erinnert. Er hatte im 19. Jahrhundert eine Vorläuferin in Blavatsky, aber er erweitert und korrigiert sie auch.

Die »urjüdische« Kultur wurde nach Steiners Auffassung durch Abraham begründet. In ihr flossen alle Geheimnisse und Weisheiten der drei vorangegangenen Kulturen zusammen. Sie war der Inbegriff des Mysterienwissens dieser Kulturen. Sie steht aber nicht nur in der Kontinuität des Mysterienwissens, sie bringt auch eine neue Synthese, eine neue Bewußtseinsform, hervor. Denn für Steiner ist Geschichte Bewußtseinsgeschichte.

Die Entwicklung des Mysterienwissens war an Eingeweihte gebunden. Sie bildeten jeweils die neuen Fähigkeiten aus, die sich später in der Menschheit verbreiten sollten. Einige dieser Initiaten sind für die Geschichte des Judentums und der gesamten Menschheit von besonderer Bedeutung. Auf sie geht Steiner im Einzelnen ein. Hier wird seine Interpretation Abrahams behandelt. Das Wirken Abrahams läßt sich nicht völlig isoliert von der Geschichte seines Volkes und anderer herausragender Gestalten der jüdischen Geschichte betrachten.

Abraham war der Stammvater des hebräischen Volkes. Er übertrug diesem Volk bei der Begründung der abendländischen Zivilisation und des Christentums eine zentrale Aufgabe. Deswegen leitet Steiner die vierte nachatlantische Kulturepoche (747 v.C.-1413 n.C.) auch schlicht vom »Urjüdischen« ab.
Innerhalb der dritten, der ägyptisch-chaldäischen Kulturepoche (2907 v.C.-747 v.C.), bildete sich eine kleine Population in Chaldäa, die alle alten Traditionen in sich aufnahm, aber auch neue Fähigkeiten ausbildete. Die Eingeweihten dieser Menschengruppe hatten die uralte Weisheit – die frühere Genossenschaft mit den Göttern – bewahrt. Sie konnten ihre Erfahrungen der Götterwelt in Worte fassen, sie hatten die chaldäische Weisheit – »die Gottesschrift im Weltraum« – und die ägyptische Weisheit – die in der »symbolischen Vermählung des Geistigen mit dem Physischen« bestand – in sich belebt. Die von diesen Priestern geleitete Gruppe von Menschen durfte sich mit Recht als das »auserwählte Volk« bezeichnen. Die Heilige Schrift dieses Volkes stellt nach Steiners Auffassung das »größte und bedeutsamste Dokument« dar, sie enthält »gewaltige Bilder vom Herabsteigen des Menschen aus göttlichen Höhen« und stellt einen Bezug der historischen Erlebnisse des Menschen mit diesen kosmischen Ereignissen her. (1908, 105. 155f)

Abraham als Begründer der vierten Kulturepoche

Die vierte Kulturepoche wurde in den Initiationsschulen der nachatlantischen Zeit vorbereitet. Sie war die Epoche der Verstandes-Seele, der »Weltklugheitskultur« (1905, 93.132) In dieser Epoche wird die alte Priesterkultur durch die menschliche Klugheit, den auf die sinnliche Wahrnehmungswelt gerichteten Verstand, abgelöst. Davon erzählen die Sagen von Laokoon und vom Trojanischen Pferd, die sich auf denselben Bewußtseinswandel im griechischen Kulturkreis beziehen, aber auch die Berichte der Thora von Abraham. Der listenreiche Odysseus bezwingt mit seiner Schläue die Priesterweisheit Trojas.

Abraham ging aus den Initiationsschulen (Mysterien) als der Begründer der vierten Kulturepoche hervor. Abraham, der aus Ur in Chaldäa stammte, trug den Extrakt der drei vorangegangenen Kulturepochen in sich: der von den sieben Rishis begründeten urindischen (7.-5. Jahrtausend v.C.) , der von Zarathustra begründeten urpersischen (5.-3. Jahrtausend v.C.) und der von Hermes begründeten ägyptischen (3.-1. Jahrtausend v.C.). Durch die Initiation der jüdischen Patriarchen entwickelte sich aus den drei alten Kulturen die vierte Kultur, die »urjüdische«, von der »alles herstammt, was man als vierte« Kulturepoche »bezeichnet«. Denn auch die althellenische und die altrömische Kultur (die griechische und lateinische) gehören zu dieser urjüdischen Kultur. (1905, 93a.257f)

Die griechische Kultur ist für Steiner die Kunstreligion des im Menschen vollendeten Gottes, die römische hingegen die Kultur des als Erdenbürger vollendeten Menschen. Zwischen beiden geht aus dem »Urjüdischen« der Essäer Jesus hervor, der den Christus in sich aufnimmt, um durch die Menschwerdung die Gleichheit aller Menschen in Gott zu begründen.

Steiner schöpft seine Deutung Abrahams nicht aus Blavatsky. Für diese ist Abraham selbstverständlich auch der Stammvater der Juden. Er kam nach ihrer Auffassung aus Indien: Die Juden sind für sie »ein Stamm, der von den Chandalas Indiens entstammte, von den außerhalb der Kasten stehenden, von denen viele Exbrahmanen waren, welche in Chaldäa in Sind und in Aria (Iran) Zuflucht suchten und welche wirklich von ihrem Vater A-Bram (Nicht-Brahmane) etwa 8000 v.C. herstammen.« (1888, II.A, S. 210) Das einzig originelle hieran ist die Herleitung Abrahams von den Nicht-Brahmanen Indiens. Steiners Deutung Abrahams hat nichts mit derjenigen Blavatskys zu tun, ganz abgesehen davon, daß er ihre leidenschaftliche Abneigung gegen alles Christliche und Hebräische, die zu einer völlig schiefen Deutung Jahves führte, als einen ihrer größten Irrtümer betrachtet. (1912, 143.88, 172 u.ö.)

Abraham schuf das Denken, auf dem die ganze gegenwärtige Zivilisation fußt


Abraham, der Stammvater des hebräischen Volkes, wurde von den Initiierten ausgesucht, weil sein Leib geeignet war, das urteilende Denken zu entwickeln (1909, 117.39) und den die Welterscheinungen durchlebenden und durchwebenden Gott Jahve in seinem Innern denkend zu erfassen. (1909,117.41)

Abraham leitete eine Epoche ein, deren Früchte noch heute der ganzen westlichen Kultur und Zivilisation einverleibt sind. Zu diesen Früchten gehören u.a. das kombinatorische Denken und die mathematische Logik. Noch das Mittelalter sah in Abraham »in gewissem Sinn« den Vertreter der Arithmetik. Die ganze Anlage seines Denkens machte ihn geeignet, die Welt nach dem Verhältnis von Maß und Zahl anzusehen. (1909, 117.40) Auch der Talmud weiß zu berichten, Abraham habe bei den Ägyptern die Rechenkunst erlernt. (Gorion, S. 218) Ein anderer der sein mathematisches Wissen aus dieser Kultur geschöpft haben soll, ist bekanntlich Pythagoras. Die Mathematik, die Kategorien von Maß und Zahl, sind die Kategorien des sichtbaren Raumes und der physisch erlebten Zeit. Sie sind der begriffliche Ausdruck der Sphärenharmonien, mit dessen Hilfe die physisch wahrgenommene himmlische Welt beschrieben werden kann. Abraham lernte von den Chaldäern die Sternenweisheit, goß diese mit Hilfe der ägyptischen Mathematik in eine Form, die schließlich im salomonischen Tempel Gestalt annehmen sollte. Vermutlich sind Maß und Zahl ein symbolischer Ausdruck für einen Aspekt der kosmischen Intelligenz.

Man berücksichtige für diesen Themenkomplex die zentrale Bedeutung, die Steiner dem Denken beim okkulten Schulungsweg zumißt: denn die Klarheit und Durchsichtigkeit des Denkens muß das Schauen stets begleiten. Es bleibt als aufgehobenes Moment in den höheren Erkenntnisstufen erhalten.

Man könnte sagen, Steiner beschreibt die Kulturentwicklung der letzten fünf Jahrtausende nach dem Modell der geistigen Entwicklung Abrahams. Dies ist die tiefere Bedeutung des Wirkens Initiierter in dieser Entwicklung: daß sie urbildlich vorausnehmen, was sich in der Folgezeit mit der gesamten Menschheit ereignen wird.

Abraham wandelte die Kräfte des einstigen Hellsehens in Kräfte des Denkens um. Eine Legende des Talmud schildert den Vater des Abraham als Feldherrn einer sagenhaften, aber wirklichen Persönlichkeit, die in der Bibel als Nimrod bezeichnet wird. Ein Traum wird Nimrod so gedeutet, daß der Sohn seines Feldherrn viele Könige und Herrscher entthronen werde. Nimrod, der sich vor der eigenen Absetzung fürchtet, befiehlt, den Sohn des Feldherrn zu töten.

Diese Legende werde, so Steiner, durch die okkulte Forschung bestätigt. Der Vater des Abraham gibt ein fremdes Kind als seinen eigenen Sohn aus. Abraham entgeht der Tötung und wird in einer Höhle aufgezogen. Abraham ist der erste, der die Kräfte, die für das Hellsehen in der Natur verwendet wurden, nach Innen wendete, um dem Menschen ein inneres Gottes-Bewußtsein zu ermöglichen. Durch Abraham findet eine Umstülpung des gesamten spirituellen Kräftesystems des Menschen von Außen nach Innen statt. Dieser Vorgang wird von der Legende dadurch angedeutet, daß sie erzählt, Abraham habe durch die Gnade Gottes drei Jahre aus seinem Daumen Milch gesaugt. (1910, 123.71f)

Er war der erste, der imstande war, ein denkendes Bewußtsein von Jahve im Inneren zu erwerben. (1910, 123.81) Er hatte die Aufgabe, das Göttliche, das in der äußeren Welt verehrt wurde, im Inneren des Menschen zugänglich zu machen. Wie das »Welten-Ich« erscheint ihm die Gottheit, verwandt dem menschlichen Ichbewußtsein. Vor dem Beginn des 3. Jahrtausends vor Christus besaß die Menschheit zwar die Fähigkeit, hellseherisch in die göttliche Welt zu blicken, sie konnte aber nicht die Einheit des Göttlichen erfassen. Auf das Erfassen dieser Einheit leitete Abraham hin. (1910, 118. S. 112) Er mußte daher Eingeweihte ausbilden, die auf das Menschliche großen Wert legten, die ein Bewußtsein von der Bedeutung ihrer Persönlichkeit hatten. So traten bei den von ihm eingeweihten Patriarchen die persönlichen Eigenschaften stark hervor. Besonders die Schlauheit des Denkens, die List und Verschlagenheit (ähnlich wie bei Odysseus). (1905, 93a.257)

Das Denken, das Abraham ausbildete, war das an das physische Gehirn gebundene Denken. Dieses Denken konnte anfangs nur Gemeingut werden, indem es vererbt wurde. (Denn es mußte die physische Konstitution vererbt werden). Deswegen mußte von dieser Individualität ein Volk ausgehen, in dem sich diese Eigentümlichkeit vererbte. (1909, 117.115) Aber auch der Ätherleib oder Lebensleib Abrahams mußte auf die Nachkommen übergehen. Siehe dazu weiter unten.

Der Gott Abrahams ist derselbe Gott, der von den Mysterien in der äußeren Natur, im Kosmos verehrt wurde. Wenn der Mensch alles, was in der Außenwelt durch Maß und Zahl begreifbar ist, durchdringt, nähert er sich Jahve, er begreift die geistige Einheit der Natur. Der Mensch erkennt den väterlichen Kosmos der Weisheit: den Zusammenfluß alles schöpferischen Wirkens der vergangenen Zeiträume. Jahve wird zuerst in der Gesetzmäßigkeit der Natur erkannt und dann erst kann er auch im eigenen Inneren gefunden werden. Das ist die geistige Seite des Bundes Jahves mit Abraham, der Beschneidung. (1909, 117.41) Meiner Meinung nach könnte die Beschneidung als Symbol einer geistigen Umwandlung gedeutet werden: jener Teil der geistigen Organisation des Menschen, der für die Hellsicht verantwortlich ist, wird fortan unterdrückt. Ein anderer Aspekt dieser Umwandlung ist vermutlich die Verstoßung Hagars und Ismaels.

Abraham lernte das Göttlich-Geistige durch ein physisches Organ, durch physische Erkenntnis erfassen. Er lernte den »führenden Weltengott« kennen. Es war für ihn »unendlich wichtig«, zu erkennen, daß der Gott, der sich im Bewußtsein des hebräischen Volkes kundtat, der Gott der Mysterien war, der zu allen Zeiten als die schöpferische und schaffende Gottheit anerkannt wurde. (1910, 123.79)

Einer ähnlichen Auffassung der Aufgabe Abrahams begegnen wir bei Philo von Alexandrien. In seinem Werk über Abraham (de Abrahamo) schreibt er: »Die Chaldäer betrieben vorzugsweise die Sternkunde und schrieben alles den Bewegungen der Gestirne zu; daher glaubten sie, daß alles in der Welt von Kräften geleitet wird, die in Zahlen und Zahlenverhältnissen enthalten sind, und priesen das sichtbare Sein, während sie das unsichtbare und rein geistige nicht begriffen. Bei ihrer Durchforschung der in den Himmelskörpern herrschenden Ordnung, die in den Kreisbewegungen der Sonne, des Mondes und der übrigen Planeten und der Fixsterne, sowie in dem Wechsel der Jahreszeiten und in den engen Beziehungen zwischen den himmlischen und irdischen Dingen zu Tage tritt, nahmen sie an, daß die Welt selbst Gott sei ... Nachdem Abraham in diesem Glauben herangewachsen und lange Zeit Chaldäer (Sternverehrer) gewesen war, öffnete er wie aus tiefem Schlaf das Auge der Seele und begann, statt tiefer Finsternis reinen Lichtglanz zu schauen; er folgte diesem Lichtglanz und nahm wahr, was er vorher nicht gesehen hatte, einen Lenker und Leiter der Welt, der über sie waltet und in heilsamer Weise sein eigen Werk regiert ...« (1909, Abr, I, 69-70) Der Bericht von der Auswanderung aus Ur ist in Philos allegorischer Deutung ein Bericht von der Befreiung Abrahams von der Astronomie und der chaldäischen Anschauung. Solange er in der Betrachtung der Gestirne befangen war, konnte ihm jener Gott nicht erscheinen, der nur im Inneren, durch den Verstand, erfassbar ist. Abraham, der Weise, vermochte mit seinem Auge des Geistes, mit seinem Denken, das vollkommene, rein geistige, führende Wesen zu erkennen, das das Weltall regiert. Abraham riss seinen Geist von der sinnlich wahrnehmbaren Natur los und stieg in seinem Denken zum rein geistigen Sein Gottes auf. (Abr, I, 88)

Hagar und Sara

Damit Abraham seine Mission erfüllen konnte, mußten auch vorübergehend gewisse Eigenschaften von seinem Volk abgestoßen werden: diese trug Ismael in sich, der Sohn Abrahams und der ägyptischen Magd. (117, 1909.65f.) Offenbar waren es ägyptische geistige Elemente, gegen die eine Abgrenzung erfolgen mußte. Es waren Elemente des alten Hellsehens, die die Nachfahren Ismaels bewahrten, die sich am Sinai niederließen. Moses sollte aus den Traditionen dieses Zweiges der Nachfahren Abrahams die Sprache und Bilder entlehnen, die es ihm ermöglichten, den Israeliten die Offenbarung Gottes vom Sinai zu erklären. Das heißt, daß die geistige Symbolsprache der Sinaioffenbarung die der Nachfahren Ismaels ist, der Dekalog eine Synthese ägyptischer und hebräischer Mysterienweisheit. Wenn man bedenkt, wie die Genesis die Seeleneigenschaften der alten Ismaeliten beschreibt, dann versteht man, warum gerade sie die geistige Sprache ausbilden mußten, die sich in der Sinaioffenbarung niederschlug. Steiner brachte auch in seiner Betrachtung der Naturvölker den Verzicht auf spätere technologische Zivilisationsformen mit dem Erhalt spiritueller Fähigkeiten in Verbindung. Die Pharisäer waren die Vertreter der mosaischen Synthese, die sich für sie in den zehn Geboten verdichtete, sie waren die Vertreter des theokratischen Gesetzesdenkens, die Vorfahren des nomokratischen Denkens der späteren Naturwissenschaften. Die säkularisierten, in Europa lebenden Abkömmlinge dieser alten Semiten neigten aus Steiners Sicht noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgrund der geistigen Traditionen, aus denen sie hervorgegangen waren, zu diesem nomokratischen Denken, deswegen ihr reger Zuspruch zu den Naturwissenschaften. Waren doch die Naturwissenschaften angetreten, die Gesetze, von denen die Natur beherrscht wurde, zu erkennen und deren hierarchischen Aufbau in einer Synthese der empirischen Erkenntnis zusammenzufassen. Seit Kant wurde die Mathematik, deren Kategorien von Maß und Zahl, als die ideale Sprache der Naturwissenschaften betrachtet. Steiner hielt bekanntlich dieses mathematisierende, nomothetische Denken für ungeeignet, die Phänomene des Lebendigen, Seelischen und Geistigen zu begreifen oder die sozialen Verhältnisse zu gestalten. Den Goetheanismus betrachtete er als Versuch, eine den Erscheinungen des Lebendigen angemessene Denkform auszubilden, das Leben in reinen Gedanken, wie es von Fichte, Schelling und Hegel praktiziert worden war, als unverzichtbare Fähigkeitsgrundlage der spirituellen Entwicklung. Aus dieser denkgeschichtlichen Perspektive erklären sich Steiners Bemerkungen im Brief an Marie Steiner von 1905 über die notwendige Ergänzung und Erweiterung des semitischen Erbes im europäischen Denken.

Auf Sara geht Steiner meines Wissens nicht ein. Sie könnte die Seele Abrahams repräsentieren, die sich von der Weisheit des Vaters Tarah, des Pharao und des Abimelech befruchten läßt. Die physische Unfruchtbarkeit Saras ist das Gegenbild ihrer geistigen Fruchtbarkeit. Beim Auszug aus Chaldäa wandert die Halbschwester Sarai an Abrams Seite. Sie ist bereits seine Frau und repräsentiert das väterliche, aber nicht das mütterliche geistige Erbe Abrams, die Verheißung des Sohnes an Abraham findet nach der Begegnung mit dem Pharao und die Geburt Isaaks nach der Begegnung Saras mit Abimelech statt. Es waren mindestens drei Initiationen in andere Mysterien nötig, damit Abraham auf die größte seiner Initiationen durch Melchisedek und die Hervorbringung der eigenen Synthese in seinem Sohn, der aus seiner Seele hervorging, vorbereitet war. Und diese geistige Schöpfung, diese Bewußtseinsform mußte er opfern, damit sie durch Jahve seinem Volk übergeben werden konnte.

Abraham und Melchisedek - die Christusprophetie

Die Begegnung Abrahams mit Melchisedek birgt ein »tiefes Geheimnis«. (1912/13, 141.44) Abraham wurde bei dieser Begegnung (wenn auch nicht vollbewußt, wie es in späteren Initiationen der Fall sein sollte) in das Verständnis des »umfassenden Göttlichen« initiiert, das in alle menschlichen Seelen hineinwirken kann. (1912/13, 141.43)

In Melchisedek begegnete Abraham dem »großen atlantischen Sonnen-Initiierten«, den die indische Tradition als Manu bezeichnet. Dieser kann sich seinen – in einer bestimmten Zeit lebenden – Schülern nicht ohne weiteres verständlich machen. Eine solch erhabene Individualität kann sich nur offenbaren, indem sie sich in die Bedingungen und Ausdrucksformen der jeweiligen Zeit einfügt. So nahm der Lehrer der Rishis und des Zarathustra die Gestalt des Ätherleibes an, der einst Sem, dem Sohn Noahs gehört hatte. Die Begegnung Abrahams mit dem großen Eingeweihten des Sonnenmysteriums, mit dem Priesterkönig des höchsten Gottes, mit Melchisedek oder Malek-Zadik, ist »von größter, von universellster Bedeutung«. (1910, 123.81f)

Es gibt im Talmud bzw. Midrasch Überlieferungen, auf die Steiner sich bezogen haben könnte. Diese stellen eine Verbindung zwischen Melchisedek und Sem her, ja identifizieren ersteren sogar mit letzterem. In der Version dieser Erzählungen, die Bin Gorion 1913 veröffentlichte, heißt es zu Sem und Melchisedek: »Auch Adoni-Sedek, der König von Jerusalem, dies war Sem, der Sohn Noahs, kam zu ihm heraus und brachte Brot und Wein. Und Adoni-Sedek segnete Abram.« Und: »Der Herr machte Sem, den Sohn Noahs, zu seinem Hohenpriester und Diener und ließ seinen Geist über ihn geraten. Er nannte ihn Melchisedek, König von Salem.« (Bin Gorion, 1962, S. 224-225) Falls Steiner sich auf diese jüdische Tradition bezogen hat, kann er sie nur aus einer anderen Quelle gekannt haben. Die Interpretation, die er von dieser Legende gibt, ist jedoch originär. Der Talmud berichtet auch davon, daß Sem Abraham beschnitten habe. (Gorion, S. 233)

Der Ätherleib des Sem

Mit dem Ätherleib des Sem hat es eine besondere Bewandtnis. Sem, der Stammvater der Semiten, bedurfte eines besonderen Ätherleibs. Der Ätherleib eines Stamm-Ahnen wie Sem ist der Muster-Ätherleib für all seine Nachfahren. Deren Ätherleiber sind Abbilder des Ätherleibs dieses Ahnen. Der Ätherleib des Sem erhielt seine urbildliche Gestalt dadurch, daß er von einem Avatar durchdrungen wurde. Als »Avatar« wird von der »morgenländischen Weisheit« eine geistige Wesenheit bezeichnet, die in einen menschlichen Leib heruntersteigt, um als Mensch in die Entwicklung einzugreifen. Die größte Avatar-Wesenheit, die auf der Erde lebte, ist Christus. (1909, 107.222) Der Avatar Sems durchdrang nicht dessen Astralleib oder Ich.

Wenn eine Avatar-Wesenheit einen Menschen durchdringt, können Wesensglieder dieses Menschen sich vervielfältigen. So entstanden unzählige Abbilder des Ätherleibs von Sem. Außerdem zerfiel der Ätherleib des Sem nach dessen Tod nicht, sondern wurde in der göttlichen Welt aufbewahrt. Sollte jemandem im alten hebräischen Volk eine besondere Aufgabe übertragen werden, konnte dies am besten durch eine Individualität geschehen, die den Ätherleib des Stammvaters trug. So mußte sich der hohe Sonnen-Initiierte in den Ätherleib des Sem hineinbegeben, um dem althebräischen Volk den abrahamitischen Monotheismus einzupflanzen. (1909, 107.223 f)

Der Lehrer des Zarathustra (Manu) nahm bei jener Begegnung Einfluß auf Abraham. Er schöpfte aus derselben Quelle, aus der später der Christus-Einfluß kam. Die Bibel deutet dies symbolisch an, wenn sie sagt: Melchisedek der König von Salem, der Priester des höchsten der Götter (el-eljon), bringe Abraham Brot und Traubensaft. Brot und Traubensaft wurden später beim Abendmahl ausgeteilt. Die Gleichheit des Opfers deutet darauf hin, daß Melchisedek aus derselben Quelle wie Christus schöpfte. In Abraham ging durch die Initiation des Melchisedek ein neues Bewußtsein auf. Er erkannte, daß sein Volk zum Träger einer Erkenntnis jenes Göttlichen geworden war, das sich den Mysterien einst in der Natur und im Kosmos offenbart hatte und das nun im Inneren seines Volkes sprach. (1909, 123.83)

Der »Menschheitsführer« Abraham, eignete sich in der Begegnung mit Melchisedek oder Malek-Zadik die Kräfte an, geistig bis zur Sonnen-Sphäre aufzusteigen. Mit geistigen Augen vermochte Abraham das Akasha-Bild des Christus in der Sonnen-Sphäre vollständig anzuschauen. (1912/13, 141.50)

Die Geschichte Sems, so Steiner, ist typisch für die vorchristliche Zeit. Die Abbilder menschlicher Wesensglieder wurden in der Regel auf solche Menschen übertragen, die blutsverwandt waren mit dem, der das Urbild besaß. Durch das Erscheinen der Christus-Avatar-Wesenheit änderte sich dies. (1909, 109.26f) Durch das Wohnen der Avatar-Wesenheit des Christus im Leib des Jesus von Nazareth konnten der Ätherleib, der Astralleib und das Ich (dieses als »im Astralleib entfachter Impuls«) des Jesus von Nazareth unzählige Male vervielfältigt werden. Die vervielfältigten Wesensglieder des Jesus von Nazareth wurden aufgehoben, bis sie im Verlauf der Menschheitsentwicklung gebraucht werden konnten. Sie waren nicht an diese oder jene Nationalität, an diesen oder jenen Stamm gebunden, sondern konnten jedem Menschen, der sich in der Folgezeit aufgrund seiner individuellen Entwicklung als geeignet erwies, gleichgültig welche Nationalität er trug, einverwoben werden. Mit dieser Tatsache hängt die intime Geschichte der christlichen Entwicklung zusammen. So wurden zwischen dem 4. und 12. Jahrhundert einzelnen Menschen Abbilder des Ätherleibs Jesu einverwoben, die sie inspirierten. Ein Beispiel ist die Heliand-Dichtung aus der Zeit Ludwigs des Frommen. Vom 11. bis 15. Jahrhundert wurden Menschen Abbilder verschiedener Seelenglieder des Jesus einverwoben: sie inspirierten die religiöse Inbrunst eines Franz von Assisi oder einer Elisabeth von Thüringen, die Hochblüte der Scholastik und die spätmittelalterliche Mystik eines Tauler oder Eckhart. (1909, 109.27f)

Die Opferung Isaaks

Abraham erhielt die Verheißung: Deine Nachkommen sollen geordnet sein wie die Sterne am Himmel. (1910, 123.84) Seine Nachkommenschaft sollte die körperliche Konstitution des Stammvaters weiter entwickeln. Seine Nachkommen mußten selbständig den Aufbau des Leibs in die Hand nehmen, um weiterzuführen, was bisher die Götter bewirkt hatten und dies mußte durch viele Generationen hindurch geschehen. Die Fähigkeit, Jahve denkend zu verstehen, mußte sich unter den Nachkommen Abrahams verbreiten. Der Bund Jahves mit Abraham sollte auf sie übergehen. Um dies zu ermöglichen, war eine ungeheure Hingabe Abrahams an Jahve erforderlich. Abraham steigerte seine Hingabe so sehr, daß er sogar bereit war, seinen Sohn zu opfern, um Gott zu gehorchen. Aber er erhielt seinen Sohn von Jahve selbst wieder zurück. Steiner deutet diese Erzählung so, daß Abraham seine Mission nicht durch sich selbst auf die Nachwelt übertragen, sondern als Gabe des Jahve in seinem eigenen Sohn empfangen habe. (1909, 117.42f)

Der Widder, der anstelle Isaaks geopfert wurde, war die letzte Gabe der Götter. Die mystische Symbolik der beiden Widderhörner verweist auf die zweiblättrige Lotusblume, ein Organ des Hellsehens, das geopfert – zur Kraft des Denkens umgewandelt – wurde. (1909, 117.44) Während die Chaldäer in der Hieroglyphenschrift der Gestirne die Götter schauten, die den Gang der Welt ordneten und regelten, sollte Abraham dieses Göttliche denken und denkend seine Einheit erfassen.

Abrahams Nachkommen

Im althebräischen Volk mußte die kosmische Gesetzmäßigkeit, die gemäß der Sternenordnung, nach Maß und Zahl, den physischen Leib des Menschen geformt hatte, weiterwirken. Davon spricht auch die Bibel. Sie sagt nicht, Gott wolle die Israeliten so zahlreich machen, wie die Sterne am Himmel (das ist eine Textverderbnis). Diese Stellen besagen in Wahrheit, daß in der Art, wie das hebräische Volk sich fortpflanzen und verbreiten wird, die Zahlenverhältnisse walten, die zwischen den Sternen am Himmel herrschen. Das hebräische Volk soll in seiner Fortpflanzung nach der Zahlenharmonie der Sterne geordnet sein. (1909, 117.43)

Das Matthäus-Evangelium stellt insbesondere diese Entwicklung dar, indem es die Generationenfolge in drei mal vierzehn Glieder teilt: von Abraham bis David, von David bis zur babylonischen Gefangenschaft, von der babylonischen Gefangenschaft bis Jesus Christus. Die ganze hebräische Entwicklung seit Abraham sollte in einem Menschen zusammengefaßt werden. Und diese Entwicklung sollte gipfeln im Menschensohn des Matthäus-Evangeliums, der als der vollkommenste Eingeweihte, als der »einzige Gottmensch« aus dem jüdischen Volk hervorging. (1909, 117.48f; 1902, 8.122 [1. Aufl.]) Die Zahl 14 könnte sich durch den Aufstieg von der Mond- bis zur Saturnsphäre und den Weg zurück ergeben. Eine mögliche symbolische Bedeutung des siebenarmigen Leuchters könnte der Hinweis auf diese Siebenheit sein.

Das althebräische Volk durchlebte von Abraham bis zur Zeit der ersten Könige eine erste Periode seiner Geschichte. Diese Periode kann mit der ersten Periode des einzelnen Lebens bis zum siebten Jahr verglichen werden. Hier wird alles getan, um die von Abraham stammenden Eigenschaften in den Nachkommen zu befestigen. Die Wanderung Abrahams, das Hervorgehen der zwölf Stämme, die Eingliederung der mosaischen Gesetzgebung, die Gefahren in der Wüste, sind mit dem zu vergleichen, was in den ersten sieben Lebensjahren auf den Menschen von der physischen Welt her einwirkt.

Die zweite Periode, von der Königsherrschaft bis zur babylonischen Gefangenschaft, bietet das Bild einer inneren Festigung. Hier erfolgt der Einfluß des Chaldäertums, des orientalischen Magiertums auf das hebräische Volk. 600 bis 550 v.u.Z., durchtränkte die Individualität des Zarathustra das hebräische Volk mit diesem orientalischen Einfluß. Er arbeitete bereits damals darauf hin, eine geeignete Leiblichkeit zu finden, in der er sich später inkarnieren konnte (Jesus aus dem Hause Salomo). Das althebräische Volk wird in die babylonische Gefangenschaft geführt, wo sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung Zarathustra in seiner damaligen Inkarnation als Zarathos oder Nazarathos Lehrer war. In den Geheimschulen der Babylonier kamen die hervorragendsten Führer des althebräischen Volkes mit dem großen Lehrer der alten Zeiten, mit Zarathos in Berührung. Er wurde ihr Lehrer, verband sich mit ihnen, und sie nahmen den »großen Impuls« auf, der dieses Volk in den nächsten vierzehn Generationen auf die Geburt des Jesus vorbereitete. (1909, 117.184f)

Bis zu einem bestimmten Moment dominieren die von Abraham stammenden Eigentümlichkeiten in der Geschichte Israels. Die Kräfte des physischen und ätherischen Leibes wirken sich aus (erste und zweite Periode). In einer späteren Epoche bildet dieses Volk seine Seele aus, so wie der einzelne Mensch sein seelisches Leben in den Zwanzigerjahren ausbildet (dritte Periode). Das ist die Entfaltung des Astralleibes. Der Prophet Elias erscheint wie die eigentümliche Seele des ganzen althebräischen Volkes. Es schließen sich die anderen Propheten an. Die Seele Israels hört auf das, was die Seelen der anderen Völker zu sagen haben. Was Elias verkündigte, vermischte sich symphonisch mit den Seelenklängen der anderen Völker. Durch das Aufnehmen der Initiationen der verschiedenen Völker bildet sich nach und nach der Unsterblichkeitsgedanke heraus, der auf seiner Höhe bei den Makkabäersöhnen erscheint. (1912, 139.38)

Aus einem passiven Verhalten zu Jahve wird allmählich ein aktives inneres Bewußtsein der Seele von ihrem Wesen. Diese Entwicklung läßt sich auch aus der Geschichte des Prophetentums ablesen. Die Gesichte und Verheißungen der Propheten werden immer innerlicher. (1912, 139.40) So reift das althebräische Volk heran. Es stirbt »in einer gewissen Weise«, indem es nur die geistige Essenz in seinen Glauben, in sein Bekenntnis aufnimmt, wie es »so herrlich« an der Darstellung der Makkabäer zu sehen ist. (1912, 139.119f)

Das abrahamitische Zeitalter und dessen Spiegelung

Abraham ist nicht nur eine Gestalt der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft. Dieser Gesichtspunkt führt uns auf eine der gewaltigsten Perspektiven in der Religionsphilosophie Steiners. Er beschreibt sechs Jahrtausende in Begriffen der jüdischen Spiritualität: die drei vorchristlichen und die drei nachchristlichen (1910, 118.110f).

Das Jahrtausend zwischen 3000 und 2000 v.C. ist das abrahamitische Zeitalter. In ihm errang Abraham nach Anbruch des Kali Yuga (der finsteren Zeitalters der Hindukosmologie) das Bewußtsein Gottes im Inneren der Seele. Das Jahrtausend von 2000 bis 1000 v.C. ist das Zeitalter des Moses: er erfaßte die Einheit des einen Gottes, der sich im Inneren als der Ich-Bin kundtat mit dem einheitlichen Göttlichen, das sich in der äußeren Natur im brennenden Dornbusch und im Blitzesfeuer des Sinai offenbarte. Gottes Stimme sprach sowohl durch die Natur zu ihm, als auch in seinem Inneren. Moses synthetisierte die beiden alten Einweihungswege: den inneren über die Seele des Menschen und den äußeren über die Erkenntnis des Geistigen in der Natur. Das letzte Jahrtausend vor der Zeitenwende ist das salomonische Zeitalter: es gipfelte darin, daß Gott physische Gestalt annahm. Dieses Physischwerden des einen kosmischen Gottes im Menschen wurde im Salomonischen Tempel symbolisch dargestellt. (1916, 173.226) Aber auch die physische Gestalt des Menschen der Geistselbstepoche, der Zeit ab 3500 n.C., war in den Maßen des salomonischen Tempels abgebildet. (1904/14, 93.335) Die mystische Einheit von Jahve und Christus wurde im Wirken des Jesus von Nazareth offenbar.

Diese drei Zeitalter spiegeln sich in den drei folgenden Jahrtausenden. Denn es gibt ein »urewiges Weltengesetz«, wonach solche erhabenen Individualitäten wie Abraham, Moses und Salomo zweifach – aber in umgekehrter Richtung – ihre geistigen Taten vollbringen müssen. So stand das erste Jahrtausend nach der Zeitenwende unter der Inspiration Salomos. Die Individualität Salomos »lebte in den hervorragendsten Geistern« des ersten nachchristlichen Jahrtausends. Es war die Weisheit Salomos, durch die man versuchte, ein Verständnis für das Christus-Ereignis zu gewinnen. Die Hierachienlehre des Dionysios Areopagita, die Veschmelzung des platonischen Denkens mit der Offenbarung der Evangelien, die großen theologischen Synthesen des ersten Jahrtausends, verdanken sich der Inspiration Salomos.

Im zweiten nachchristlichen Jahrtausend durchdringt der Geist des Moses die Besten dieses Zeitalters. Die »gewaltige Offenbarung« des einheitlichen Gottes auf dem Sinai, die Moses von außen empfing, wiederholte sich in der Mystik des Mittelalters, in der derselbe einheitliche Gott sich im Inneren des Menschen kundtat. Die Mystik des Hochmittelalters, in der die unio mystica des Menschen-Ich und des Gottes-Ich erfahren wird, steht unter der Inspiration des Moses. Als Beispiele führt Steiner Tauler und Eckhart an. Eine »gewaltige Offenbarung des Welten-Ich« von innen ereignete sich in dieser Mystik, ebenso gewaltig wie jene, die Moses aus den Elementen der Natur zuteil wurde.

Die Menschheit geht einer Spiegelung des abrahamitischen Zeitalters entgegen. Spiegelung bedeutet Wiederkehr, aber auch Umkehr. Wiederkehr in anderer Form. Diese Spiegelung wird »Gewaltiges« bringen. Das dritte Jahrtausend ist das abrahamitische. Das Ende des Kali Yuga (1899 n.C.) und der Beginn des abrahamitischen Zeitalters (2000 n.C.) fallen nahezu zusammen. So wie Abraham im dritten Jahrtausend vor Christus das Hellsehen der Vorzeit in das gehirngebundene Denken überführte, wird er im dritten Jahrtausend nach Christus den Übergang vom Denken in das Schauen inspirieren. So wie Abraham den Weg von der Sternenweisheit der Chaldäer zur Erdenweisheit, vom Polytheismus zum Monotheismus zurücklegte, wird er den geistigen Aufstieg zu einer neuen Theosophie und Kosmosophie inspirieren. So wie die Fähigkeit des Hellsehens im ersten abrahamitischen Jahrtausend erlosch, wird sie im zweiten wieder erwachen.

1910 spricht Steiner von einer Alternative vor der das 20. Jahrhundert stehe: die ersten zarten Formen eines neuen Hellsehens erwachen und es wird ihnen Verständnis entgegen gebracht, oder der Materialismus trampelt sie nieder und erklärt jede Form von Spiritualität für Wahnsinn. Aber noch etwas anderes ist mit dem Wirken Abrahams verbunden. Er ist der Führer zum ätherischen Christus, insofern er die zarte Pflanze der Hellsicht im Menschen erweckt. Jene umfassende Gotteswesenheit, der Quell aller Liebe und alles Lebens, durchdringt seit Golgatha die Lebenssphäre der Erde und kann von der Mitte des 20. Jahrhunderts an in ätherischer Gestalt für einzelne Menschen sichtbar werden. Steiner verweist insbesondere auf die Zeit zwischen 1930 und 1940/45. Das Wiedererscheinen Christi im Ätherischen ist das Gewaltige, das das abrahamitische Zeitalter bringen wird.

Aber Steiner macht auch klar, vor welcher Gefahr die Menschheit steht. Die Wiederkunft Christi kann mißverstanden werden, die Sehnsucht nach dem Messias kann fehlgeleitet werden und falsche Messiasse können seinen Platz usurpieren. Was waren jene totalitären Herrscher des 20. Jahrhunderts, was waren Hitler, Mussolini, Stalin, Franco, Tito, Mao und Pol Pot anderes, als falsche Messiasse? Goebbels, Hess und Abertausende andere sahen in Hitler nichts als den Messias. Ernst Bloch sah in Stalin 1937 den wahren Führer und Retter, das wahre tausendjährige Reich glaubte er, sei mit der Oktoberrevolution angebrochen und er brachte nur zum Ausdruck, was die Massen empfanden. (Koenen, 1991, S. 14) Steiner 1910: »Die nach Geisteswissenschaft Strebenden werden sich als diejenigen erweisen müssen, welche die falschen Messiasse unterscheiden können von dem einzigen Messias, der nicht im Fleisch, sondern der für die neuerwachten Fähigkeiten als eine spirituelle Wesenheit erscheint.« (1910, 118.127)

Abraham wird die Menschheit wiederum in das Land Schamballa führen. Denn Schamballa ist jene geistige Wirklichkeit, die vor dem Beginn des Kali Yuga dem Hellsehen zugänglich war. Die Menschheit wird durch den zu erwartenden Bewußtseinswandel in Schamballa, das »lichtdurchwobene«, »lichtdurchglänzte«, »von unendlicher Lebensfülle strotzende«, »die Herzen mit Weisheit erfüllende Land« wieder hineinwachsen. Schamballa ist kein physisches Land, es liegt nicht irgendwo im Himalaya, es liegt in den Herzen der Menschen, die einen Zugang zu dem unversieglichen Lebensquell finden, der als geistige Sonne die Lebenssphäre der Erde durchdringt. Abraham ist jener Geist, der die Menschheit im dritten Jahrtausend zum Schauen des ätherischen Christus führt und Christus geleitet die Menschheit nach Schamballa.

Literatur:

1888, H.P. Blavatsky, Geheimlehre, dt. Übersetzung von Robert Froebe.
1909, Philo von Alexandrien, De Abramo, Werke herausgegeben von Leopold Cohn, Bd I.
1962, Micha Josef Bin Gorion, Die Sagen der Juden.
1991, Gerd Koenen, Die großen Gesänge.

Die Verweise im Text auf Steinerwerke führen auf: Jahreszahl, GA-Band, Seite.

1902, Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums, GA 8.
1905, Die Tempellegende und die Goldene Legende, GA 93.
1905, Grundelemente der Esoterik, GA 93a.
1908, Welt, Erde und Mensch ..., GA 105.
1909, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107.
1909, Prinzip der spirituellen Ökonomie, GA 109.
1909, Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens, GA 117.
1910, Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt, GA 118.
1910, Matthäus-Evangelium, GA 123.
1912, Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums, GA 139.
1912/13, Das Leben zwischen dem Tod und der neuen Geburt ..., GA 141.
1912, Erfahrungen des Übersinnlichen, GA 143.
1916, Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit, GA 173.


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