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Anthroposophie / trithemius verlag / Jahrbuch 2003 Das Jahr 1879

Das Jahr 1879 und die Folgen

Von Lorenzo Ravagli

Auszug aus dem Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2003

»Das Jahr 1879«, schreibt Jacob Katz, einer der bedeutendsten jüdischen Historiker des 20. Jahrhunderts, in seinem Buch Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, »ist ein Wendepunkt in der jüdischen Geschichte unserer Zeit: jetzt beginnt der moderne Antisemitismus.«1 Im Herbst 1879, so Rudolf Steiner in einem Vortrag im Oktober 1917, spielte sich »ein Vorgang von ungeheurer Bedeutung, von ganz tiefgehender Bedeutung« für die Geschichte der Menschheit ab.2 Unabhängig voneinander lenken zwei Historiker: ein Historiker des Antisemitismus und ein Metahistoriker des Geistgeschehens den Blick auf denselben Zeitraum, den Herbst 1879 und sehen in diesem einen weltgeschichtlichen Wendepunkt. Sehen wir uns zunächst etwas näher an, was der Metahistoriker des Geistgeschehens über den Herbst 1879 sagt.

Sturz der Geister der Finsternis

Der Herbst 1879 stellt in der geistigen Entwicklung der »europäischen und amerikanischen Menschheit« einen bedeutungsvollen Einschnitt dar, denn damals fand ein Kampf seinen Abschluß, der in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Himmel begonnen hatte, ein Geisteskampf zwischen jenem Erzengel, der im Jahr 1879 seine Zeitalterregentschaft antreten sollte und den »Geistern der Finsternis«, die ihm diese Regentschaft streitig machten. Es war »geradezu eine Art Krieg in der geistigen Welt«, den der Erzengel Michael mit seinen Scharen gegen »gewisse ahrimanische Mächte« führte und der mit dem Sieg Michaels im Herbst 1879 endete. Dieser durch vier Jahrzehnte hindurch tobende Krieg fand seinen Abschluß darin, daß die von Michael bezwungenen Geister der Finsternis, bei denen es sich um »ahrimanische Engel« handelte, vom siegreichen Erzengel aus der geistigen Welt auf die Erde herabgestoßen wurden. Die Vertreibung ahrimanischer Engel auf die Erde hatte zur Folge, daß die Vertriebenen sich in den Seelen der Menschen niederließen, daß sie seither »ihre Festungen« im »Denken«, im »Empfinden« und in den »Willensimpulsen« der Menschen aufgerichtet haben.3

Dadurch, daß die ahrimanischen Engel sich in den Seelen, »in den Gehirnen« der Menschen niederließen, wurden diese von ahrimanischen Impulsen ergriffen: der Materialismus wurde zu einer »persönlich gefärbten« Weltanschauung. Zwar gab es auch schon vorher Materialismus auf der Erde, ja, den Höhepunkt des Materialismus sieht Steiner in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts4, aber dieser hatte einen eher »instinktiven« Charakter. »Persönliches Eigentum« einzelner Menschen wurden die »ahrimanischen Impulse« seit dem Herbst des Jahres 1879. Seit diesem Herbst konnte die materialistische Weltdeutung zur »persönlichen Ambition« werden.

Vernichtung organischer Substanz, Zellhaufen

Als Beispiel einer solchen - persönlich gefärbten - materialistischen Weltanschauung erwähnt Steiner den Philosophen Henri Lichtenberger, der angesichts der Fortdauer des I. Weltkrieges meinte, vom Standpunkt der Ewigkeit aus habe die Vernichtung von »ein paar tausend Tonnen organischer Substanz« kaum eine Bedeutung: Lichtenberger sprach aber von den auf den Schlachtfeldern gefallenen Soldaten. Eine Gesinnung, die in Menschen nichts als »organische Substanz« erblickt, deren Vernichtung angesichts der Ewigkeit ohne Bedeutung sei, wurzelt nach Steiners Auffassung im »Ahrimanismus«. Heute würden wir vielleicht von »zynischer Menschenverachtung« sprechen und uns an die Rede von den »Zellhaufen« erinnert fühlen, die Befürworter der verbrauchenden Embryonenforschung im Munde führen: denn für diese ist ein Embryo auch nur »organische Substanz« und ob ein paar Kilo mehr oder weniger davon existieren, ist für sie ohne jegliche Bedeutung.

Eindringlich appelliert Steiner an seine Zuhörer, sie sollten ein klares Bewußtsein von diesen »tiefsten Impulsen« entwickeln, die in ihren Seelen wirkten, um gegen sie gewappnet zu sein. Die Menschen, so Rudolf Steiner, beginnen nach und nach, »die Impulse, die Ahriman in ihren Seelen aufrichtet zu lieben, sie sogar als etwas besonders Erhabenes, besonders Hohes« zu betrachten.

Eine ganze Reihe von Phänomenen, die für ihn Ausdruck des Wirkens dieser gestürzten ahrimanischen Engel in den Tiefenschichten der Menschenseelen sind, charakterisiert Steiner. Zwei weitere seien hier herausgegriffen.5

Menschen als Tiere

Im Jahr 1878 erschien das vom westfälischen Dichter Wilhelm Weber verfaßte Versepos Dreizehnlinden, das in einer »schönen, dichterischen Sprache« tief »einschneidende Ideen« verkörperte. Steiner weist auf die außerordentlich große Verbreitung dieses Werkes hin, in dem geschildert werde, »welche verschiedenen Ausprägungen des Teuflischen in den einzelnen Tierarten enthalten seien«. In populärer Sprache wurde durch die Verbreitung dieses Werkes das Empfinden der Massen für die Aufnahme des Darwinismus in einer besonderen Form vorbereitet. Insbesondere auf die Ideenverbindung von der tierischen Abstammung des Menschen und der Abkunft der Tiere vom Teufel lenkt Steiner die Aufmerksamkeit. »Denn es ist wichtig, wenn im 19. Jahrhundert der Darwinismus auftaucht, wenn im 19. Jahrhundert bei einer großen Anzahl von Menschen die Idee auftaucht, daß die Menschen sich allmählich von den Tieren herauf ent­wickelt ha­ben, und wenn dann bei einer andern großen Anzahl in den Gemütern die Idee sitzt, die Tiere seien Teufel. Das gibt einen merkwürdigen Zusammenklang.«6 Der Zusammenklang ist offensichtlich: die Übertragung der darwinistischen Ideen vom Kampf ums Dasein und vom Überleben der Tüchtigsten auf das Gebiet des Sozialen, wie sie im Sozialdarwinismus praktiziert wurde, konnte nur zu einer Entfesselung teuflischer Instinkte im gesellschaftlichen Leben führen. »Es war schon der Teufel, der den Menschen die Versuchung eingegeben hat, als Nietzsche-Anhänger selber »blonde Bestien« zu sein.«7

Bereits 1916 hatte Steiner auf die Folgen der Herrschaft des sozialdarwinistischen Denkens im gesellschaftlichen Leben hingewiesen: »Aber nicht das Paradies würde dadurch auf Erden kommen, sondern die Hölle würde kommen, wenn nichts weiter das Menschengeschlecht beherrschen würde als Konkurrenz, Erwerbssucht in dem Sinne, daß die Erwerbssucht das ausgleichende Prinzip sein soll.«8 Die Herrschaft des naturwissenschaftlichen Materialismus im Sozialen muß zu Zerstörung führen, zu Katastrophen, denen gegenüber die Greuel des I. Weltkriegs als harmlos erscheinen werden.9

Unwissenheit, Vorurteil und Furcht vor dem Geist

Gleichzeitig weist Steiner aber auch auf den Irrtum hin, der darin besteht, zu glauben, man könne dieser ahrimanischen Inspiration dadurch entkommen, daß man die Augen vor ihr verschließt. Dies würde nämlich die Verbreitung von »Unwissenheit«, »Vorurteil« und »Furcht vor dem geistigen Leben« bedeuten. Dadurch aber werden die »ahrimanischen Mächte« am meisten gefördert. Diese Haltung kam für Steiner in der Position der katholischen Kirche zum Ausdruck, die erst im Jahr 1835 die Verurteilung des Kopernikanismus aufhob, auf dem I. Vatikanischen Konzil das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verabschiedete und 1910 Theologen und Kleriker auf den Antimodernisteneid verpflichtete. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung, so Steiner 1917, »ist zwar eine rein ahrimanische Sache«, aber man bekämpft sie nicht dadurch, daß man sie ignoriert, sondern nur dadurch, daß man sie möglichst gut kennenlernt. »Man kann Ahriman keinen größeren Dienst leisten, als die naturwissenschaflichen Anschauungen ignorieren oder unverständig bekämpfen.«10

Steiners Darstellungen über den Sturz der Geister der Finsternis gipfeln in seinem Vortrag vom 26. Oktober 1917, in dem er Rassismus und Antisemitismus auf die Inspiration der Geister der Finsternis zurückführt, die dem michaelischen Zeitgeist, dem Sendboten Christi, entgegenwirken.

Geister der Finsternis als Inspiratoren des Antisemitismus

Die Geister der Finsternis nisteten sich nicht nur in den menschlichen Empfindungen, Gedanken und Willensimpulsen ein, sie bemächtigten sich auch der menschlichen »Blutsbande«. Sie begannen von allem Besitz zu ergreifen, was mit Vererbung, Zeugung, Fortpflanzung und Blutsverwandtschaft zu tun hat, von jenen Kräften, die den einzelnen Menschen an seine Familie, seinen Stamm, sein Volk, seine Rasse knüpfen. Sie streben seit dem Jahr 1879 danach, die menschlichen Ordnungen auf die Blutsverwandtschaft, auf Stämme, Völker und Rassen zu gründen und den Einzelnen an diese Kollektive zu fesseln. Die den Geistern der Finsternis entgegenwirkenden Geister des Lichtes dagegen, Michael und seine Scharen, wollen den Menschen von Familien- und Vererbungsbanden befreien. Sie inspirieren den Menschen, »freie Ideen«, Impulse der Freiheit zu entwickeln und wollen ihn auf die »Grundlage seiner Individualität« stellen.

Seit dem Jahr 1879 bemächtigen sich die Geister der Finsternis der Empfindungen und Traditionen, die den Einzelnen an Rassen-, Stammes- und Volkszusammenhänge binden und versuchen seither, die sozialen Ordnungen auf Stammeszugehörigkeit und Blutsverwandtschaft aufzubauen. Das Festhalten an Stammesidentitäten, an Blutsverwandtschaft und Vererbung als gemeinschaftsbildenden Prinzipien, ist seit dem Jahr 1879 eine geschichtlich-geistige Strömung, die dem fortschrittlichen Zeitgeist entgegenwirkt. Dies ist eine Wahrheit, so Steiner, die die Menschen heute nicht hören wollen. »Und so sehen wir, daß gerade im 19. Jahrhundert ein Pochen auf Stammes- und Volks- und Rassenzusammenhänge beginnt, und daß man von diesem Pochen als einem idealistischen spricht, während es in Wahrheit der Anfang ist einer Niedergangserscheinung ... der Menschheit.«11

Die Geister der Finsternis werden sich »in stärkstem Maß anstrengen«, durch die »Konservierung der alten Vererbungsmerkmale« und der aus dieser Konservierung »folgenden Gesinnung« »Niedergangsimpulse« in die Menschheit zu bringen. Wer heute vom »Ideal von Rassen, Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit ... Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.«12 Wovon spricht Steiner hier eigentlich? Nun, er spricht vom zeitgenössischen Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, denn diese politisch-kulturellen Strömungen waren es, die die Ideale der Rassen, Stämme und Völker aufrecht erhielten, während es doch im Sinne des Zeitgeistes darauf angekommen wäre, Ideale zu finden, die nicht »aus dem Blut« aufstiegen, sondern aus dem Geist geschöpft waren.

Eine »furchtbare Reaktion« ist es, in der »eine ganze Welt« sich auflehnt gegen den wirklichen Fortschritt der Menschheit, der in der Befreiung des Einzelnen aus den Banden des Kollektivs besteht. »Reaktionärste« Gesinnung sprudelt aus den von ahrimanischen Engeln durchsetzten Instinkten der Menschen und gaukelt ihnen vor, die Bindung des Einzelmenschen an das Kollektiv des Blutes sei ein anstrebenswertes Ideal, während es in Wahrheit der Anfang vom Untergang der Menschheit ist. Denn, wer in den Vorurteilen des Blutes stehenbleibt, schließt sich der »abwärtsgehenden Strömung« der Entwicklung an.

Diese furchtbare Reaktion wird schließlich in Zusammenhang mit dem spirituellen Zentralereignis des 20. Jahrhunderts gebracht. Christus, der im Lauf des 20. und der folgenden Jahrhunderte für die Menschheit in ätherischer Gestalt wahrnehmbar werden wird - jenes Gotteswesen, das Jesus von Nazareth als ersten der Menschenbrüder dazu befähigte, sich über alle Blutsbande hinweg an den einzelnen Menschen zu wenden und ihm seine vorbehaltlose Liebe entgegenzubringen - , dieser Christus »wird nichts wissen« von völkisch-kollektivistischen Idealen. Sein Statthalter, der seit dem Jahr 1879 wirkende Zeitgeist Michael, dessen Mission die gesamte Menschheit umfaßt, wirkt darauf hin, anstelle der Blutsbande geistige Bande unter den Menschen zu schaffen. »Denn nur durch geistige Zusammengehörigkeitsbande wird in das Niedergehende ... Fortschreitendes hineinkommen.«13 Die Reaktion gegen die Intentionen des Zeitgeistes ist nicht zuletzt deswegen so furchtbar, weil sie eine widerchristliche Reaktion ist, weil sie sich gegen alles stellt, was der Menschheit heilsam ist.

Der Beginn des »modernen Antisemitismus« im Jahr 1879

Das Jahr 1879, so Jacob Katz, markierte den Beginn des modernen Antisemitismus. Am 19. September dieses Jahres trat der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker, der Führer der Christlich-Sozialen Arbeiterpartei, mit seiner ersten antijüdischen Rede Unsere Forderungen an das moderne Judentum an die Öffentlichkeit, im Oktober wurde durch Wilhelm Marr, der auch den Ausdruck »Antisemitismus« prägte, die erste antisemitische Vereinigung in Deutschland, die »Antisemiten-Liga« begründet, im November wandte einer der angesehensten deutschen Historiker, der Liberale Heinrich von Treitschke, in den von ihm herausgegebenen Preussischen Jahrbüchern den antisemitischen Stimmungen in der Bevölkerung seine Aufmerksamkeit zu. Die von Adolf Stoecker ausgehende politisch-ideologische Strömung erhielt den Namen »Berliner Bewegung«, von Treitschkes Artikel wurde der Berliner Antisemitismusstreit ausgelöst und durch Marr wurde der Judenhaß zur zentralen Botschaft einer politischen Organisation.

Wilhelm Marr

Bereits im Februar 1879 war Marrs Buch Der Sieg des Judentums über das Germanentum erschienen, das im Herbst seine zwölfte Auflage erreichte und damit zum ersten antisemitischen Bestseller wurde. Die Juden, so Marr in seinem Buch, hätten ihr Ziel, die Herrschaft über Deutschland zu erobern, bereits erreicht und diesen Sieg verdankten sie den Deutschen. Denn diese wählten sie in ihre Parlamente, machten sie zu Gesetzgebern und Richtern, zu Diktatoren der Staatsfinanzen und überließen ihnen die Presse. Die von Marr vorgetragenen Vorwürfe waren nicht neu, aber die Konzentration auf den antijüdischen Affekt, die Erhebung desselben zum einzigen Inhalt einer politischen Kampagne, war neu. Dank konservativer Unterstützung konnte Marr im Oktober 1879 eine Zeitschrift mit dem Titel Deutsche Wacht ins Leben rufen, die der Verbreitung des Antisemitismus in der Bevölkerung dienen sollte. Seine Antisemitenliga verstand er als Sammelbewegung, die alle nichtjüdischen Deutschen im gemeinsamen Kampf einigen sollte, das »deutsche Vaterland vor der vollständigen Verjudung zu bewahren.« Im Judentum glaubte Marr die Ursache aller sozialen Übel erkannt zu haben, nur die Beseitigung des jüdischen Einflusses konnte diese Übel beheben. Der Journalist Otto Glagau, der 1874, nach dem großen Börsenkrach, in der Gartenlaube eine Artikelserie über den »Börsen- und Gründungsschwindel« veröffentlicht hatte, faßte die Ansichten Marrs 1879 in die einprägsame Formel: »Die soziale Frage ist einfach die Judenfrage.«

Adolf Stoecker

Der Begründer der Christlich-Sozialen Arbeiterpartei, der Prediger am Hohenzollernhof in Berlin, Adolf Stoecker, der versuchte, eine christliche Arbeiterbewegung ins Leben zu rufen, um ein Gegengewicht gegen den wachsenden Einfluß der Sozialdemokraten zu schaffen, entdeckte im Herbst 1879, welche Wirkungen mit antisemitischen Parolen in der Bevölkerung zu erzielen waren und nutzte fortan das Ressentiment als propagandistisches Mittel der Politik. In der gesellschaftlichen Rolle der Juden schien die Hauptursache gefunden, die insbesondere eine unzufriedene Mittelschicht als Grund für ihr wirtschaftliches Unglück zu betrachten begann. Stoecker warf den assimilierten Juden vor, sie hätten die Bedeutung der Emanzipation mißverstanden, wenn sie glaubten, sie seien durch sie zu gleichberechtigten Deutschen geworden. Stattdessen sollten sie sich als geduldete Fremde betrachten und sich entsprechend verhalten. Seine drei Forderungen an das Judentum lauteten: »ein klein wenig bescheidener«,  »ein klein wenig toleranter«, »etwas mehr Gleichheit.« Was jedoch die Abneigung des orthodoxen Protestanten besonders hervorrief, war der Anspruch von Teilen des Judentums auf eine führende Rolle, eine besondere Mission in der modernen Welt. In diesem Anspruch auf eine besondere jüdische Mission, die mitunter sogar mit der Überlegenheit der jüdischen Religion über das Christentum begründet wurde, konnte Stoecker nichts als Blasphemie erkennen.

Heinrich von Treitschke

Als Heinrich von Treitschke im Oktober seinen Überblick über das Jahr 1879 schrieb, sah er im Antisemitismus bereits eine »Bewegung«, die alle Schichten der Gesellschaft berührte. Er distanzierte sich von der Primitivität mancher Antisemiten und bekannte sich ausdrücklich zur Emanzipation, griff aber das Stoeckersche Motiv vom Hochmut auf, wenn er schrieb, in jüngster Zeit sei »ein gefährlicher Geist der Überhebung in jüdischen Kreisen erwacht.« Diesen Geist sah Treitschke in der Presse am Werk, auf deren Angriffe der Publizist besonders empfindlich reagierte, ihm schien aber auch die wirtschaftliche Präsenz von Juden im Banken- und Börsenwesen gefährlich sowie eine von ihm beobachtete zunehmende Einwanderung polnischer Juden: »Über unsere Ostgrenze ... dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen.« Der eigentliche Grund für Treitschkes Empörung war jedoch »die hohle, beleidigende Selbstüberschätzung«, die er in der Geschichte der Juden von Heinrich Graetz wahrnahm und die seinen nationalen Stolz verletzte. Hier ent­deckte er eine »fanatische Wut« gegen das Christentum, einen »Todhaß« gegen die »reinsten und mächtigsten Vertreter germanischen Wesens« von Luther bis auf Goethe und Fichte. »Unter beständigen hämischen Schimpfreden«, so Treitschke erregt, werde hier bewiesen, daß »die Nation Kants erst durch die Juden zur Humanität erzogen, daß die Sprache Lessings und Goethes erst durch Börne und Heine für Schönheit, Geist und Witz empfänglich« geworden sei.

Treitschkes Aufsatz löste heftige Reaktionen aus. Jüdische und nichtjüdische Kollegen von der Berliner Universität setzten sich zur Wehr und kündigten ihm die Freundschaft, 75 nichtjüdische Ehrenmänner, unter ihnen Theodor Mommsen, Heinrich von Sybel, Rudolf von Gneist und Werner von Siemens unterzeichneten eine öffentliche Erklärung, in der vom Antisemitismus als einer »ansteckenden Seuche« die Rede war, die das Verhältnis zwischen Juden und Christen zu »vergiften« drohe.

Eugen Dühring

Zwei Jahre nach diesem heißen Herbst, 1881, sollte das Buch eines Autors erscheinen, der von der Forschung als Prototyp des Naziantisemiten betrachtet wird, in dem die »ahrimanischen« Impulse in Form des Rassenantisemitismus zum »persönlichen Eigentum« geworden waren: Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage von Eugen Dühring. Der blinde Prophet des Rassenantisemitismus, der einflußreiche Nationalökonom, der bis 1877 an der Berliner Universität gelehrt hatte, begründete seine Ablehnung des Judentums durch naturwissenschaftliche Argumente, durch eine Anthropologie, die ihr Bild des Judentums aus der Geschichte der jüdischen Religion und der jüdischen Rasse schöpfte. Für Dühring waren die Juden Angehörige einer minderwertigen Varietät mit unveränderlichen Eigenschaften, die sich stets parasitisch von ihren Wirtsgesellschaften ernährt hatten. Konversion und Assimilation konnten diese anthropologischen Konstanten nicht verändern, sondern waren nur ein Ausdruck der jüdischen »Durchtriebenheit«, die sich auch der List der Selbstverleugnung bediente, um ihre eigensüchtigen Ziele zu erreichen. Seine Vorschläge zur Eindämmung des jüdischen Einflusses auf die Gesellschaft lesen sich wie Entwürfe der Nürnberger Gesetze und selbst die »Endlösung« der Judenfrage findet sich in seinem Pamphlet bereits angedacht. Für Dühring gab es letztlich nur eine einzige wirkliche Lösung der »Judenfrage«: »Die Judenhaftigkeit läßt sich nicht anders als mit den Juden selbst beseitigen.«14

Über Dührings Buch schrieb Rudolf Steiner am 27. Juli 1881 an seinen Studienkollegen Rudolf Ronsperger: »Seine Anschauungen sind durchaus barbarisch und kulturfeindlich. Seine Schriften über die Juden ... sind die strengsten Konsequenzen seiner beschränkten egoistischen Philosophie.« In dieser Philosophie sah Steiner den »ärgsten Ausbund aller philosophischen Rückläufigkeiten«. Es ist eben jene Rückläufigkeit, von der er 1917 als einer Gefahr sprach, die man kalten Auges ansehen müsse, der Gefahr, »daß konserviert wird ... was nicht konserviert werden sollte«15, denn »durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.«16

Anmerkungen

1) Jacob Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus 1700-1933, Berllin 1990, S. 253.

2) GA 177, Vortrag vom 14.10.1917 in Dornach, S. 151.

3) So Rudolf Steiner am 20. Oktober 1917 in Dornach, GA 177, S. 164.

4) Über diese vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung einiger herausragender Denker zum Materialismus hat Stefan Leber eine bedeutsame Monographie verfaßt: »... es mußten neue Götter hingesetzt werden.« Menschen in der Entfremdung: Marx und Engels, Cieszkowski, Bauer, Hess, Bakunin und Stirner, Stuttgart 1987.

5) Steiners Ausführungen über den Sturz der Geister der Finsternis, die am 14. Oktober 1917 beginnen, gipfeln schließlich im Vortrag vom 26. Oktober 1917, auf den noch eingegangen wird. Für das Verständnis der Symptomatologie des Ahrimanischen ist aber der ganze Band 177 von Bedeutung.

6) GA 177, S. 167.

7) GA 177, Vortrag vom 6. Oktober 1917 in Dornach, S. 74.

8) GA 172, Vortrag vom 12. November 1916 in Dornach, S. 94.

9) GA 177, S. 24, S. 60, 63, 64-66, S. 221: »Ich wähle meine Ausdrücke vorsätzlich exakt. Ich sage »vorbereiten« und bin mir wohl bewußt, daß wenn jemand von vorbereiten spricht, nachdem dasjenige stattgefunden hat, was in den letzten drei Jahren [1914-1917] stattgefunden hat, er schon Bedeutungsvolles sagt.«

10) GA 177, 20. 10.1917, S. 170.

11) GA 177, S. 205.

12) GA 177, S. 205.

13) GA 177, S. 206.

14) Eugen Dühring, Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage, 1881, S. 108.

15) GA 177, 14.10.1917, S. 153.

16) GA 177, 26.10.1917, S. 205.

 


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